Am Zusammenfluss

      Der schwarze Stein am Zusammenfluss von Mosel und Rhein, geschichtsträchtig, Gemüter erhitzend, umstritten, wie kaum ein anderes Denkmal, einen gewaltsamen Kaiser hoch zu Ross tragend, hat die Wärme eines Sommersonnentages gespeichert. Von hier aus hat man einen guten Blick auf die Flüsse. Die untergehende Sonne glitzert auf den Wellen der Mosel. Zwei Schwäne ziehen majestätisch ihres Weges, weichen geschickt den Lastkähnen aus, die mit dumpfem Motorengebrumm Richtung Frankreich fahren. Auf dem Campingplatz, der auf der anderen Moselseite mit Blick auf die Festung Ehrenbreitstein liegt, tummeln sich Urlaubsgäste zwischen bunten Zelten, Wohnwagen und Wohnmobilen. Sprachfetzen vieler Länder hängen in der Luft. Schon vor Jahrtausenden kamen Völker aus ganz Europa hier zusammen, und von allen blieb etwas hängen. Bräuche, Glaubensrichtungen, Speisen. Und vor allem der Wein. Die Römer, die die Reben nach Norden brachten, gründeten zwischen den Flüssen eine Siedlung, die sie Confluentes nannten. Die Mosel, weiblich, der Rhein, männlich, vereinen sich hinter der Landzunge. Und es ist der Rhein, der aufnimmt, in sich einläßt, der sich farblich verändert durch die Vereinigung. Und sie, die Mosel, will sich nicht so einfach in ihr Schicksal ergeben, kämpft um ihren eigenen Weg, versucht parallel des Rheins weiterzufließen. Doch der Rhein ist stärker, reißt sie einfach mit, vermischt sein Wasser mit ihrem, und sie muß sich ergeben und den weiteren Weg gemeinsam mit ihm fließen. Von den Stufen des schwarzen Denkmals zwischen Rhein und Mosel überschaut man vier Uferseiten zur gleichen Zeit. Für kurze Momente rattern Züge auf der Rheinstrecke. Die Wappen aller Bundesländer sind in die Wände des Rundgangs auf dem Denkmalsockel eingelassen. Tucholsky war nicht angetan von dem dunklen Ungetüm, einem Denkmal, das zu Ehren des nicht zimperlichen Kaiser Wilhelm I. gebaut worden war. Aber leider hat er vor lauter Schwärze nicht die Schönheit der Landschaft gesehen, in die der Klotz hineingesetzt worden war. Amerikaner haben in den letzten Kriegstagen ein Wettschießen auf den Souverän vergangener Epoche veranstaltet und ihn vom Sockel gestürzt. Der riesige Metallkopf des abgeschossenen Kaisers lag Jahre später in einem Antiquitätengeschäft, und sein Blick war noch immer streng und königlich. Ohne den Kaiser war das Denkmal am Deutschen Eck verwaist. Man suchte und fand eine Möglichkeit, dem verwaisten Stein einen Sinn zu geben und machte ihn zum Denkmal für die Deutsche Einheit. Nun steht ein neu gegossener Kaiser auf dem schwarzen Sockel, schwerer als der alte, doch mit dem gleichen stolz-majestätischen Blick, der über die Fluten des Rheines in Richtung Berlin geht. Dem schwarzen Stein ist es gleich, wen er trägt. Machtansprüche eines Königs sind hierzulande zum Glück vorbei, und Denkmäler sind nicht zugleich auch Ehrenmäler. Sie erinnern nicht nur an Triumphe der dargestellten Person, sondern auch an von ihm verordnete Brutalität. Deshalb findet der Kaiser auch keine Ruhe. Er muß wie zur Strafe in alle Ewigkeit Tag und Nacht auf seinem Ross sitzen, begleitet nur von einem Flügelwesen, dem Genius, damit er nicht so alleine ist. Und wenn die Sonne am Horizont verschwindet und der aufziehende Abend die Flüsse zu seinen Füßen ins Dunkel hüllt, kann man den Herrscher im Licht der Scheinwerfer durch die Nacht reiten sehen.

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