Wege
Ein strahlender Sommertag empfing uns am frühen Morgen. Ein paar weiße, bauschige Wolken malten unregelmäßige Tupfen an den blauen Himmel, und wir bewunderten das vollendete Naturgemälde. Mit den Fahrrädern wollten wir die Hügellandschaft der Mecklenburgischen Seenplatte kennenlernen. Unsere Fahrt begann auf einer schattigen Allee, die uns die Berge hinauf und hinunter führte. Uns erwartete leichter Wind, der sich bei längerem Fahren als permanenter Gegenwind erwies. Niemand hatte uns vorher erzählt, daß Mecklenburg so gebirgig ist. Wir hatten kleine Hügel und Flachland erwartet und waren überrascht, daß mancher Hügel zum Berg anwuchs und uns nach manch überwundenem 'Hügel' der Schweiß in Bächen den Rücken hinabrann. Die zahlreichen Fahrzeuge, die uns PS-stark auf der schmalen Straße überholten, ließen uns den nächsten Radweg herbeisehnen. Das Radwegenetz war in dem Bereich, den wir uns zu unseren Erkundungsfahrten ausgewählt hatten, noch nicht so gut ausgebaut. Die Straße führte uns vorbei an unendlich erscheinenden Feldern und Wiesen, in denen manchmal einige Büsche standen, die sich ausmachten wie Oasen in der Wüste. Sie boten den zahlreichen Tieren Unterschlupf. Wir hielten Ausschau nach Feldwegen, wie wir es von zu Hause gewohnt waren. Aber kaum einmal unterbrach einmal ein Weg die Weite der Felder. Sobald sich uns die Gelegenheit bot, bogen wir von der Hauptstraße ab und fuhren etwas weniger gefährdet durch die liebliche Landschaft. Wir durchquerten kleine Ortschaften und herrliche Wälder, fuhren vorbei an Mühlen und Seen. Und immer wieder staunten wir über die Vielzahl an langen, alten Alleen mit Kopfsteinpflaster, auf denen wir uns wie in einem Mixer fühlten. Schon nach kurzer Zeit waren wir gut durchgeschüttelt und wählten, wenn es irgend möglich war, kleinere Wege, die uns durch dichte Wälder führten und an alte Märchen erinnerten. Als der Wald höher und lichter wurde und einige hohe Buchen einen Rastplatz umrundeten, stiegen wir von den Fahrrädern ab und ließen uns zum Picknick nieder. Die Stille des Ortes war fast greifbar und wurde nur vom leisen Rauschen der Laubbäume und dem variantenreichen Singen der Vögel unterbrochen. Es schien kein einziges Zivilisationsgeräusch bis hierher zu dringen. Wir ließen die ungewohnte Ruhe auf uns einwirken und es fiel uns schwer, nach einer Weile der Abgeschiedenheit unseren Weg fortzusetzen. Doch wir hatten noch einen langen Weg vor uns. Wieder ging die Fahrt über Pflasterstraßen, die nicht zu umfahren waren und die uns durchrüttelten wie Sand auf einem Rüttelbrett. Da waren wir schon froh, über "normale" Wege fahren zu können, die jedoch oft ganz unerwartet als Sandwege weiterführten und uns an Glatteis denken ließen. Auch die mit Sand ausgebesserten Stellen weicher Waldwege nahmen plötzlich den Schwung der Räder und wir mußten schon mit einigem Geschick manövrieren, um nicht zu stürzen. Irgendwann erreichten wir eine Betonpiste, die uns vorkam wie ein Flugplatzgelände. Wir genossen das leichte Fahren und das dumpfe Röhren der Reifen. Aber leider war die Piste schon schnell zu Ende. Unser Weg führte uns auf einem besseren Feldweg durch einen grünen Tunnel, dessen Licht-Schattenstakkato irritierend an die Säulen einer gotischen Kathedrale erinnerte. Das Ende des Tunnels reichte hinein in eine hügelige Buschlandschaft, die sich um einen erfrischend klaren See erstreckte, in dem sich der Himmel spiegelte. Der leichte Wind hatte in dem Paradies seine Kraft reduziert und bewegte mit sanfter Brise das silbriggrüne Ufer. Das Schilfgras war Heimat einer Schwanenfamilie, die majestätisch den See überquerte und nach ihrem Ausflug dem schützenden Ufer zustrebte. Für uns lag der See gerade an der richtigen Stelle. Wir waren durchgeschwitzt und verstaubt und sehnten uns nach Kühlung. Die Schwäne ließen sich nicht stören, als wir uns in das nasse Element stürzten. Die Abkühlung tat gut und nachdem die Sonne uns getrocknet hatte, stiegen wir wieder auf die Räder, traten mit frischem Mut die Pedale. Die Straße ging erneut bergan, wieder rann der Schweiß. Wir quälten uns weiter, bereits müde von dem ungewohnten körperlichen Einsatz und freuten uns über jede erreichte Bergkuppe, die eine erfrischende Abfahrt versprach. Dann gerieten wir auf eine der vielen Straßen, die erneuert wurde. Da gab es kein Entweichen, wir mußten da durch. Auf steiniger Oberfläche, auf der die Straßenwalze ihre Arbeit noch nicht beendet hatte, ließ es sich beinahe nicht mehr fahren. Der Straßenbauarbeiter im Baustellenfahrzeug fuhr pflichtbewußt und mit großem Tempo über die staubige Sand- und Steinpiste. Uns fiel das Atmen schwer, weil er uns mit hochwirbelndem braunen Schmutz einnebelte. Aber zum Glück hat jede Baustelle ein Ende. Nachdem wir die Brillen und Nasen geputzt hatten, erfreuten wir uns um so mehr am Ablick der jetzt wieder erkennbaren grünen Wiesenflächen rechts und links der Straße.
Auf einer Anhöhe stand eine kleine Kirche. Wir legten die Fahrräder ins Gras und stiegen die wenigen Stufen zum Portal hoch. Der Kirchhof schien noch genutzt zu werden, die Grüber waren gepflegt. Durch ein kleines Fensterchen im Hauptportal des Kirchengebäudes konnte man in das Innere des Kirchenschiffes sehen. Vögel, die im Turm nisteten, flogen durch Fensterlücken und Löcher im Dach ein und aus, und sie schienen seit langem die einzigen Kirchenbesucher zu sein. Da wir nicht in das Kircheninnere gelangen konnten, gingen wir zurück zu den Fahrrädern und legten eine kurze Besinnungspause ein. Von hier oben hatte man einen weiten Blick über das Land. Auf der kleinen grasbewachsenen Liegefläche dösend durchlebten wir noch einmal unsere Erlebnisse, erinnerten uns an Schwalben, Störche und Seeadler, Milane und Turmfalken, Sperber und Reiher, die wir auf unserer Fahrt durch das Land gesehen hatten.
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