Der Himmel über Ungarn
Ungarn. Der Entschluss, dorthin zu fahren, kam spontan. Obwohl die Idee dazu schon vor längerem geboren worden war. Nun ergab sich die Situation, dass Herriberts und Uschis Freund im Winter schwer verunglückt war und nicht mit ihnen in Urlaub fahren konnte. Plötzlich machte es "klick", und wir boten uns an, mit ihnen zu fahren, sozusagen als Ersatz (obwohl man niemals einen anderen Menschen wirklich ersetzen kann, aber das ist ein anderes Problem). Es sollte in den Süden Ungarns gehen, nach Harkány, gesprochen Horkan, wenige Kilometer von der kroatischen Grenze entfernt. Als der Urlaub näher rückte, erschien mir die Strecke, die wir mit dem Auto zu fahren hatten, unendlich weit. Mehr als 1.300 km waren es von Koblenz bis Harkany hin und wieder zurück. Deshalb planten wir für die Hin- und Rückfahrt
eine Übernachtung in der Nähe von Wien ein, so dass die Fahrerei erträglicher würde. Wenige Tage, bevor es losging, bekam Herribert einen Anruf der Pensionswirtin, bei der wir die Übernachtungen in Österreich gebucht hatten. Sie war ganz verzweifelt und entschuldigte sich, dass ein Computerfehler zu einer Überbuchung geführt hätte und sie daher für uns eine andere Pension in einem Nachbarort gebucht hätte, dass wir auf der Rückreise jedoch gerne in ihrem Haus übernachten könnten. Wir waren damit einverstanden, dachten aber: 'das fängt ja gut an'.
Am frühen Morgen des 09. August starteten wir im Konvoi in Richtung Süden. Wir erlebten einen wunderschönen Sonnenaufgang auf der A 61. Die Strasse war nicht überfüllt und so konnten wir immer mal wieder einen Blick auf die orangerote Sonne und den in zarte Farben getauchten Himmel werfen. Nach einem kurzen Picknick unterwegs ging die Fahrt weiter Richtung Passau. An der österreichischen Grenze standen noch die Wachhäuschen für die Grenzbeamten. Doch hier kontrollierte niemand mehr. Unser erstes Ziel in Österreich war das Stift Melk. Obwohl wir bereits einmal dort gewesen waren, erschien uns der Ort verändert. Wir konnten uns nicht satt sehen an der Pracht. Von dort oben hatten wir einen schönen Blick auf die Donau und sahen, dass der Wasserstand viel höher war als normal. Doch es war kein Vergleich zu dem Hochwasser, das vor allem in Sachsen zu einer riesigen Katastrophe angewachsen war. Nach einem letzten Blick auf das Stift fuhren wir zu unserem ersten Übernachtungsziel in Möllersdorf. Wir waren in einer Nichtraucherpension untergebracht worden und waren begeistert (da wir alle vier Nichtraucher sind). Um ein wenig von dem Ort zu sehen, machten wir uns auf zur Besichtigung. Doch wir kamen nicht weit. An einem
Haus hing ein geschmücktes Tannenbüschel an einem langen Stock und signalisierte: hier gibt es einen "Heurigen". Automatisch gingen unsere Füße in die Toreinfahrt. Unter alten Bäumen standen Tische und Stühle auf Kieseln. Der Wirt begrüßte uns und lud uns zum Verweilen ein. Einen Tag zuvor hatte er seine "Straußwirtschaft" eröffnet. Zum Essen bot er uns Hausmannskost an und zum Trinken seinen guten Wein. Wir probierten einen Traminer und fragten ihm über das gute Tröpfchen Löcher in den Bauch. Aber er freute sich sichtlich, interessierte Weintrinker zu finden und erzählte in seinem eigenen Dialekt Geschichten. Nach einigen Stunden traten wir vom Wein beseeligt den Weg zu unseren Mietbetten an.
Nach einem reichhaltigen Frühstück brachen wir am Morgen auf in Richtung Ungarn. Herribert hatte die von früheren Reisen nach Ungarn gewohnte Strecke vorgeschlagen. Ich wäre lieber über die österreichische Autobahn und dann in Ungarn über die Bundes- und Landesstraßen gefahren. Aber er riet davon ab, und so fuhren wir über Eisenstadt und Neusiedel zum Grenzübergang Nickelsdorf. Sicher waren wir etwas zu spät am Tag dort, denn vor der Grenze stauten sich hunderte von Fahrzeugen, die alle den gleich Weg hatten wie wir. Das Wetter war phantastisch, wie es schöner nicht sein könnte. Die Sonne brannte hernieder, und wer keine Klimaanlage hatte, drehte sämtliche Fenster herunter, machte das Schiebedach auf und ließ den Wind durch das Auto sausen. Die meiste Zeit ging es im Schritttempo vorwärts, manchmal nur zentimeterweise. Wenn es mal wieder gar nicht weiterging, war die Autobahn voller Menschen, die sich die Füße vertraten und mit den Leuten in dem davor oder dahinter stehenden Fahrzeug ein Schwätzchen hielten. Manchmal gingen sie auch einfach neben dem Wagen her, wenn er weiterfuhr und manche waren so clever, dass sie damit sogar verhinderten, dass irgend ein anderes Fahrzeug die Spur wechselte und sich vielleicht auch noch vor ihren
Wagen setzte. Als wir endlich die ungarische Grenze überfahren hatten, mussten wir die Vignette für die Autobahn kaufen und unsere schönen Euro in Forint umwechseln. Aber dann ging es endlich mit Tempo los. Bis die Autobahn für uns in Györ endete. Von da an ging es über Bundesstraßen weiter nach Süden in Richtung Veszprém. Die Landschaft rechts und links der Straßen war sanft mit leichten Hügeln. Auf den Feldern sah man immer wieder mal Störche, die bei uns so selten zu sehen sind. Wir umrundeten das Ostufer des Balaton (Plattensee) und fuhren über Tamasí, Dombovár, Pécs bis nach Harkány.
In einem im dezenten Hellblau gestrichenen Haus war die Wohnung, in der wir die nächsten beiden Wochen wohnen sollten. Das große Tor war von der Mutter des Besitzers bereits geöffnet worden, und wir fuhren die beiden Wagen in den Garten hinein, wo sie beinahe für die gesamte Zeit standen. Gleich nach der Ankunft machten wir einen ausgiebigen Ortsbummel zur späteren Orientierung. Dabei stellten wir fest, dass der Weg zum Heilbad für uns ein schöner Spaziergang sein würde. Und wir entdeckten Störche auf dem Kirchturm. Die ersten drei Tage war das Wetter nicht so beständig. Wir hatten schon den Eindruck, dass der Sommer sich allmählich verabschiedete und dem Herbst die Türe geöffnet hielt. Es regnete immer wieder mal, doch es war noch schön warm. Doch für einen Schwimmbadbesuch war es eben nicht schön genug. Stattdessen sahen wir uns die nächstliegenden Ortschaften an. Dazu fuhren wir mit dem Bus. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind nicht sehr teuer und man sieht etwas von der Gegend. So fuhren wir nach Pécs, der nächstgelegenen Großstadt. Die Innenstadt ist durch wunderschöne alte Häuser mit ihren dekorativen Fronten sehr attraktiv und lädt zum Stadtbummel ein. An einem anderen Tag fuhren wir mit dem Bus über Siklós nach Villány, gesprochen wird es Willán. Das Ortsschild gab es in zwei Versionen, der ungarischen Schreibweise und der deutschen: Wieland. Der Ort war von Deutschen gegründet worden. Sie waren es auch gewesen, die den Weinbau dort begonnen hatten. Der halbe Ort scheint nur aus Winzerhäusern zu bestehen. Kleine Häuser, direkt an der Straße, die Weinfelder im Rücken, laden zum Einkehren ein. Wenn man in eines der Häuser hineingeht, sieht man am Boden eine riesige Klappe. Darunter liegt der Weinkeller. Und von dort bekamen wir dann auch kanister- oder flaschenweise einen ganz vorzüglichen Wein, den wir nach dem Verkosten im Lokal mitnahmen. Unsere Abende, an denen wir zusammen Canasta spielten, waren somit gerettet.
Nach ein paar Tagen kam die Sonne heraus und zeigte uns das lang ersehnte Harkány-Wetter. Nachmittags ballten sich dann allerdings manchmal dicke Quellwolken zu riesigen Ungetümen zusammen. Es wurde schwül, die weißen Wolken wurden schwarz. Spannung löste sich auf in Blitzen und Donnergrollen. Doch der Sommer hatte es sich wohl noch einmal überlegt und kehrte mit all seiner Wärme zurück. Der Himmel zeigte sein schönstes Blau, kleine weiße Wolken segelten über uns hinweg. Das Schwimmbad lockte. Es lag direkt neben einem großen Park und schon beim Vorbeibummeln roch man das schwefelhaltige Wasser. Nun wollten wir es wissen, ob von der Heilwirkung, die das Wasser für die Knochen haben sollte, etwas zu spüren wäre. Wir mieteten uns Liegen, die sehr schön und neu waren, die dazugehörigen Auflagen und Sonnenschirme und verbrachten viele Stunden im Schwimmbadbereich. Da wir nicht so lange in dem Heilwasser bleiben konnten, hatten wir uns mit genügend Literatur eingedeckt, um spielend mehrere Stunden völlig selbstvergessen, mit dem Raunen der vielen Menschen als Geräuschuntermalung, dort verbringen zu können. Für das Wasser musste man eine Vorliebe mitbringen. Ich ging zwar auch in das zwischen 31°C und 37°C warme Wasser, doch der Schwefelgeruch war für mich nicht sehr angenehm und mein Kreislauf mochte die Wärme nicht so sehr. Zum Glück gab es im angrenzenden Bereich noch ein "normales" Schwimmbad mit Wasser, das weniger schwefelhaltig war und das auch von der Temperatur her zum richtigen Schwimmen einlud. Auf dieser Seite des Bades war auch die "Fressmeile". Dort gab es beinahe alles zum Essen und Trinken, was man sich nur vorstellen kann. Aber das Allerbeste und wahrscheinlich auch das Preiswerteste zum Essen waren wohl die "Langos", gesprochen: Langosch. Das sind hauchdünne, in siedendem Fett
ausgebackene Fladenbrote. Sie werden heiß gegessen, und weil sie nicht gewürzt sind, kann man sie mit süßem oder herzhaftem Belag essen. Manche ließen sich Käse darauf reiben. Mir schmeckten sie am besten mit in Salzwasser eingelegtem Knoblauch bestrichen. Auf Stehtischen hatte man einfache Marmeladengläser mit Salzwasser stehen, in dem kleingehackter Knoblauch schwamm. Mit einem Backpinsel, der darin steckte, konnte man die heißen Langos bestreichen, und ...hmmh... verspeisen. Himmlisch!! Leider war ich immer schon von einem Langos so satt, dass ich bis abends nichts mehr essen brauchte.
Neben dem Schwimmbadbereich war der Markt, der jeden Tag geöffnet war, außer am Nationalfeiertag, dem Namenstag des hl. Stephan, des Staatsgründers Ungarns. Wir bummelten gerne über den Markt und deckten uns mit herrlich frischen Paprika ein. Auf dem Rückweg vom Marktbummel sahen wir ein Plakat, auf dem für eine geführte Busfahrt nach Budapest geworben wurde. Budapest ist ca. 240 km von Harkány entfernt, und wir buchten die Fahrt, die inklusive Frühstück, Mittagessen, Nachmittagskaffee und Abendessen angeboten wurde. An einem Samstagmorgen um 6.30 h ging es los. Es war ein kleiner, bequemer Bus mit Klimaanlage. Eva, die hübsche, gut Deutsch sprechende Ungarin, wusste viel über die ungarische Geschichte und brachte ihr Wissen gut rüber. In Budapest erwartete uns die Donau mit Hochwasser. Wir waren auf der Seite von Pest. Die Promenaden standen unter Wasser, das Regierungsgebäude bekam nasse Füße, die Straßenbahn fuhr nicht mehr, in den Unterführungen plätscherte die Donau. Es sah beinahe so aus, als ob wir in Koblenz wären, mit Blick auf die Festung Ehrenbreitstein, auf die im Hochwasser des Rheins
festliegenden Schiffe und auf die Anlegestellen, die keine Bedeutung mehr haben, weil sie ins Wasser führen. Die donaunahen Parkplätze waren überschwemmt, die Autofahrer mussten ihre Fahrzeuge in der Innenstadt unterbringen, Straßen waren rechts und links zugeparkt. Der Busfahrer musste Umwege fahren, um uns trotzdem alles zeigen zu können. Ein großer Reisebus hätte durch die verengten Straßen kaum hindurchgepasst. Wir aßen zu Mittag, besichtigten die Basilika St. Stephan und fuhren anschließend auf die andere Donauseite nach Buda. Die Treppen, die zur Fischerbastei führten, erinnerten uns entfernt an die Treppen zur Sacre Coeur in Paris, von wo man auch einen so herrlichen Blick über die Stadt hat. Budapest lag mit all seiner Pracht zu unseren Füßen. Wir waren von der Stadt fasziniert. Eva erklärte uns alles, was wir wissen mussten, zeigte uns das Denkmal von König Stephan und wies auf das wunderschöne Dach der Matthiaskirche. Nach einer kurzen Erfrischung in einem schönen Café gingen wir zum großzügig angelegten Schloss. Leider konnten wir die unendlich vielen Informationen, die Eva uns zukommen ließ, nicht behalten. Aber der Gesamteindruck von dieser Fahrt war sehr positiv und wir waren froh, sie mitgemacht zu haben.
Auf der Fahrt nach Budapest sind wir mit anderen Fahrgästen ins Gespräch gekommen, die schon sehr oft in Ungarn waren und das herrliche Land als ihre zweite Heimat ansehen. Sie erzählten uns von einem sehr großen Flohmarkt in Pécs, der jeden Sonntag in der Nähe eines riesigen Einkaufsmarktes sei, und dass es sich lohne, ihn zu besuchen.
Flohmarkt oder Markt waren Worte, bei denen Uschi's Herz auf Empfang steht. Sie liebt die Märkte heiß und innig. Und da ihr Gemahl das weiß, fuhren wir mit dem PKW nach Pécs, da nicht auszuschließen war, dass irgendetwas transportiert werden müßte. Und so war es. Wir fanden die richtigen Kessel für den berühmten Kesselgulasch in Kupfer und Edelstahl. Und weil das Ganze stilecht sein sollte, kauften wir gleich ein Dreibein dazu, damit wir wie das "Fahrende Volk" kochen könnten.
An einem der letzten Tage fuhren wir nach Mohács, einer Stadt, die östlich von Harkany an der Donau liegt. Die Fähre, die normalerweise eine Brücke ersetzt, lag festgemacht am Ufer. Sandsäcke an Absperrungen verhinderte, dass das Wasser in die Stadt eindrang. Auf der anderen Donauseite standen Häuser im Wasser. Die Donau hatte große Gebiete überschwemmt, vielleicht auch die Gebiete, in denen die Störche normalerweise ihre Hauptnahrung fanden. Jetzt hatten sich Hunderte von Störchen auf den Feldern in der Nähe der Stadt niedergelassen.
Leider ging auch dieser Urlaub zu schnell zu Ende. Da wir keine Lust auf einen weiteren Stau bei der Ausreise aus Ungarn hatten, beratschlagten wir, welche Route wir für die Rückfahrt nehmen sollten. Wir entschlossen uns, über Barcs, Nagyatád, Marcali in Richtung Balaton, diesmal das westliche Ufer zu umfahren, dann weiter über Keszthely, Sümeg, Sarvár nach Sopron. Nach meiner Meinung war es die schönere Strecke. Eine Bilderbuchlandschaft erstreckte sich rechts und links der Straße, ab und zu durchfuhren wir kleine Dörfer, sauber, grün und blühend, wie alle Ortschaften, durch die wir in Ungarn gefahren sind. Und überall waren Storchennester auf Türmen und Laternenpfählen zu sehen. Entgegen unseres ursprünglichen Planes fuhren wir dann doch nicht bis Sopron, sondern nahmen den Grenzübergang bei Nagycenk. Auf der Straße 62 ging es dann auf die S 31, die uns schnell zu unserem Übernachtungsziel in Mödling brachte. Beim Einbiegen in die Badstraße sahen wir gleich die Reklame einer "Straußwirtschaft", auf der mitgeteilt wurde, das sie gerade den dritten Tag geöffnet hätten. Wir freuten uns schon auf den " Heurigen" und waren neugierig, wie es denn hinter der Mauer aussehen würde. Kaum hatten wir unsere Fahrzeuge geparkt, die Koffer auf die Zimmer geschafft, packte uns das Entdeckerfieber. Wir schauten in den Hof unserer Gaststätte und reservierten
gleich einen Tisch für den Abend. Ohne es zu wissen, befanden wir uns ganz in der Nähe der Altstadt. So schön hätten wir uns Mödling nicht vorgestellt. Der Ortsteil bestand aus vielen, sehr schön restaurierten Häusern. Die Pflasterarbeiten in den Straßen waren noch nicht ganz fertig. Aber durch die vielen alten Häuser mit Blumenschmuck hat Mödling eine faszinierende Athmosphäre. Irgendwo in der Ferne hörten wir Blasmusik. Nicht, das jemand von uns besonderer Blasmusik-Fan wäre. Aber irgendwie passte die Musik zu den Häusern und Gassen, und wir schlenderten in die Richtung, aus der wir die Töne hörten. Unterwegs sahen wir selbstgemalte Schilder an offenstehenden Haustüren oder -toren, die zur Besichtigung von kleinen Flohmärkten oder Fuchsien einluden. Wir gingen langsam in den Fuchsienhof hinein. Ein älterer Herr lud uns ein, uns in Ruhe die Pflanzen anzusehen. Eine solche Blütenpracht hatten wir noch nie gesehen. Blüten in allen erdenklichen Rot- und Weißtönen und in allen Größen. Es war einfach überwältigend. Als wir Details über das Vermehren und die Pflege der Fuchsien wissen wollten, rief der Hausherr die Seele des Hauses. Eine schöne Frau mit einem offenen Gesicht kam sofort, um unsere Fragen zu beantworten. Wir staunten über ihr Fachwissen. Sie gehörte dem Verein der Fuchsienfreunde an und hatte mehr als 350 verschiedene Arten in ihrem Hof. Zum Schutz gegen allzuviel Sonne standen überall Sonnenschirme herum. Wir konnten nicht genug bekommen von der Blumenpracht und staunten und staunten. Und dann bekamen wir den Zutritt zum Garten, der nur duch einen kleinen Raum vom Hof getrennt war. Dieser Garten war einfach ein Traum, wie in einem Märchen, so schön. Ein alter, hoher Nussbaum spendete Schatten, ein paar Apfelbäume standen auf der Wiese. An den Haus- und Begrenzungsmauern waren Blumenbeete, mittendrin verschiedene Rabatten mit den interessantesten Pflanzen. Als wir uns endlich satt gesehen hatten und gehen wollten, bekamen wir pro Paar noch den Ableger einer exotisch anmutenden Pflanze geschenkt. Mit dem gut verpackten, unerwarteten Geschenk in Händen verabschiedeten wir uns von den freundlichen Menschen in der Kirchengasse.
Wieder hörten wir die Blasmusik, die jetzt irgendwo vom nahen Berg zu kommen schien. Wir machten uns auf den Weg, die dazugehörige Kapelle zu suchen. Vor uns tauchte eine alte Kirche auf. Auf ihrem Vorplatz standen festlich gekleidete Menschen, die gerade einem Brautpaar zur Eheschließung gratulierten. An einem Tisch wurden Gläser gefüllt und herumgereicht. Ein älterer Herr war mit einem kleinen Jungen zu einem Trog spaziert. Der Junge schaute so sehr interessiert dem aus einem Rohr fließenden Wasser zu, dass er das Gleichgewicht verlor und kopfüber in den Trog fiel. Nach einem Schreckmoment zog der ältere Herr das triefende und nach Luft schnappende Kind heraus. Es wimmerte leise vor sich hin, während es sich den Kopf trocknen ließ. Nach einem Blick über Mödling verließen wir den Kirchenvorplatz und bewunderten die mit Blumen bewachsenen Mauern, die schmiedeeisernen Zäune, die schönen, bemalten Häuser.
Durch den Spaziergang hatten wir Hunger und Durst bekommen und strebten dem "Heurigen" zu. Inzwischen war der ganze Hof voller Menschen, die schon dem jungen Wein zusprachen. Wir fanden unseren reservierten Tisch und freuten uns auf Speis' und Trank. Hier war es kein Traminer, der uns durch die Kehle rann, es war ein Chardonnay, der uns erfreute. Nach einem herrlichen Abend in frischer Luft endete der Urlaub. Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege. Jeder fuhr auf der von ihm favorisierten Strecke seinem Zuhause zu.
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