Ein paar Tage Allgäu
Es war 1962 im Sommer, als ich zum ersten Mal das Allgäu, oder vielmehr einen kleinen Teil davon, kennen lernte.
Damals war ich mit meinen Eltern, meinem Patenonkel und meiner Tante nach Langenwang gefahren. Wir hatten Zimmer mit Frühstück auf einem Bauernhof am Ende von Langenwang. Ich glaube mich zu erinnern, dass die Bäuerin Maria Kappel hieß. Vom ersten Tag an hatte uns diese Landschaft gefallen. Wir hatten Glück mit dem Wetter, konnten die Breitachklamm durchwandern, zur Sturmannshöhle fahren und in der Iller die heißen Füße abkühlen. Der Versuch von meinem Vater, Onkel Ett und mir, das Rubihorn zu erklettern, gelang nicht auf Anhieb. Da spielte uns starker Regen einen Streich und wir mussten unverrichteter Dinge wieder umkehren. Einen Tag später versuchten wir es erneut. Da war es trocken und das Wetter versprach schön zu werden. Wir wanderten also Richtung Rubihorn. Irgendwann gab es nur noch Steinfelder und die Markierungen wurden weniger. Dann fanden wir die zum Rubihorn überhaupt nicht mehr. Entweder war der Stein weg gerollt oder wir hatten die Abbiegung übersehen. Wir machten eine Jause unterwegs, setzten uns dafür auf einige der großen Felsbrocken und beobachteten die Dohlen, die freudig unsere Brotkrumen vor unseren Füßen weg pickten. Und danach folgten wir einfach der Markierung, die wir vor fanden und landeten nicht auf dem Rubihorn, sondern auf dem Nebelhorn. Da mein Vater schon alle Aufnahmen verknippst hatte, konnten wir uns nicht mehr vor dem Gipfelkreuz fotografieren. Nach kurzer Einkehr in eine winzige Gaststube, in der allerdings eine leckere Gulaschsuppe angeboten wurde, machten wir uns damals wieder auf den Abstieg über die Seealpe nach Oberstdorf und zurück nach Langenwang, wo die Frauen auf uns warteten, damit wir mit ihnen nach Fischen fahren konnten, um in einem Eiscafe' am Ortsrand den Abend zu beschließen.
Jahrelang hatte ich nun Werner von dieser Reise erzählt, und jahrelang nahmen wir uns vor, einmal hinzufahren, um uns anzusehen, wie es heute ist. Ich erzählte mit soviel Bildern vor Augen, dass Werner schon mit fieberte, endlich das Allgäu kennen zu lernen. Und nun hatten wir kurzerhand in einem Hotel Garni gebucht. Das Haus hatte sogar ein Innenschwimmbad und eine Sauna. Der durchgehende Zug (ohne Umsteigen) überzeugte uns davon, das Auto zu Hause zu lassen.
Am Vorabend unseres Abreisetages schauten wir noch einmal ins Internet, um die Schneehöhe und die Temperatur am Urlaubsort zu überprüfen. Und dann stellten wir fest, dass die Lawinenzentrale in Bayern von 5 europäischen Gefahrenstufen die Lage in Oberstdorf mit Stufe 4 (große Gefahr) bezeichnete. Nun hofften wir, dass am nächsten Tag die Gefahr weniger groß wäre. Und wir hatten Glück. Man stufte herunter auf 3. Naja, auch wenn das nicht ganz ohne ist, aber da fährt man doch etwas beruhigter.
Also fuhren wir am Donnerstag, 26. Februar 2009 gegen 12.45 h aus Koblenz ab. Wir hatten Platzkarten und schöne Sitzplätze, bei denen ein Tisch erlaubte, auf der sechsstündigen Fahrt ein Buch und etwas zu Trinken vor sich zu haben. Das ältere Paar, das schon auf den beiden anderen Sitzen saß, war in Düsseldorf zugestiegen. Wir unterhielten uns gut mit ihnen, so dass die Fahrzeit uns überhaupt nicht lang vorkam. Bei Vöhringen im Schwäbischen hatten wir dann allerdings einen nicht geplanten Halt auf offener Strecke. Die Durchsage teilte mit, dass die Kripo auf den Gleisen vor Immenstadt beschäftigt sei und man nicht wisse, wann es weitergehe. Es dauerte fast 45 Minuten, bevor der Zug dann endlich weiter fuhr. Daher kamen wir auch erst nach ca. 7 Stunden im Dunkeln im Schneetreiben in Oberstdorf an. Ein Taxi brachte uns den Berg hoch zu unserem Hotel. Das Zimmer war nicht groß, aber alles wirkte sehr sauber. Zum Abendessen mussten wir wieder runter in die Stadt, da im Bereich unserer Unterkunft nur Ferienwohnungen waren und keine Restaurants. Da wir lange gesessen hatten, kam uns der Spaziergang gerade recht.
Wir kannten uns noch nicht mit der ortsansässigen Gastronomie aus und hatten unseren Hotelwirt gefragt, wo man am besten essen könne. Er hatte uns eine Karte in die Hand gedrückt, auf der er freundlicherweise einige Gaststätten angekreuzt hatte. So landeten wir in dem Restaurant „Am Platz'l“, das erst kurz zuvor den Besitzer gewechselt hatte. Wir bekamen so ziemlich die letzten Plätze und waren froh, trotzdem schnell und freundlich bedient zu werden. Das Essen war gut und unsere Stimmung entsprechend. Als wir das Lokal verließen, schneite es noch stärker als zuvor. Wir wollten uns trotzdem etwas vom Ort ansehen und mussten nur höllisch aufpassen, nicht auf dem Schnee und den darunter liegenden Eisplatten auszurutschen. Lange liefen wir nicht rum. Wir dachten, dass sicher kein Räumfahrzeug die Straße nach oben räumen würde, auf der wir zurück zu unserem Hotel müssten. Und so war es auch. Wir schafften es gerade noch, nach oben zu stapfen.
Auf der Höhe angekommen suchten wir unser Hotel, weil wir eine Straße zu früh eingebogen waren. Einige Jugendliche hatten in einer der kleinen Straßen eine Sperrmauer aus Schnee gebaut und freuten sich auf die Gesichter der Autofahrer und Fußgänger, die dort nicht mehr durchkamen. Eine kleine Stelle am Rand blieb uns, um noch schnell hindurch zu schlüpfen.
Als wir nach unserer Ankunft am Bahnhof (schon im Dunkeln) mit dem Taxi zu unserem Hotel gebracht worden waren, hatte die Fahrt wegen der Straßenführung ziemlich lang gedauert. Und zuerst beschlich uns das Gefühl, wir wären irgendwo in der Prärie gelandet und der Weg wäre unendlich lang. Nun waren wir nicht nur zu Fuß hinunter gegangen in den Ort, sondern hatten den verschneiten Weg auch schnell nach oben geschafft.
Da sieht man wieder, wie dieses Gefühl von weitem Weg sich nach ein paar guten Getränken relativiert, wenn man geradezu den Weg nach oben schwebt.
Am Freitag, 27. Februar 2009 wurde es morgens nicht richtig hell. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich, dass es noch immer ordentlich schneite. Nach einem guten Frühstück vom Büfett gingen wir zum Busbahnhof und schauten nach, wann der Bus nach Tiefenbach abfährt. Wir hatten noch etwas Zeit und beschlossen, da wir unsere Schuhspikes zu Hause gelassen hatten, uns bis zur Abfahrt neue zu kaufen. Was tut man nicht alles für die Sicherheit? Aber besser man gibt dafür Geld aus als hinterher vielleicht für einen Beinbruch. Als wir zum Busbahnhof zurück kamen, kam auch gerade unser Bus, mit dem wir bis zum Einstieg in die Breitachklamm fahren konnten.
Ein schönes Haus stand dort „im Weg“. Ich konnte mich nicht erinnern, dass man früher dort für den Eintritt bezahlen musste. Aber es kann ja sein, dass ich es nur vergessen habe. Jetzt musste man jedenfalls durch ein Haus und eine Schleuse, um die Naturschönheit überhaupt ansehen zu können.
Die Temperatur war noch immer um den Gefrierpunkt, so dass man davon ausgehen konnte, dass keine Lawinen herunter kommen würden.
Riesige Schneemassen lagen auf den Felsen rechts und links der Klamm sowie auf den Felsen und Steinen in der Breitach. An manchen Stellen mussten die normal großen Menschen die Köpfe einziehen, damit sie sich nicht an den vorstehenden Felsen anstoßen. Ein Mann vor mir hatte eine Mütze mit einem dicken Bommel oben drauf. Vielleicht dachte er, dass er damit rechtzeitig vor dem Anstoßen gewarnt würde.
Unterwegs gab es viel zu fotografieren. Der Schneefall hörte auf und die Sicht war frei. Von ganz vielen wunderschönen Motiven faszinierte die meisten ein riesiger Schleier aus Eis, hinter dem der Weg am Fels entlang her führte. Man schaute wie durch dickes Milchglas Richtung Breitach. Und gerade als wir dort waren, kam die Sonne raus und beschien die Eisscheibe von der anderen Seite.
Beim Weitergehen kamen irgendwann lockere Schneemassen herunter. Mir war es nicht einerlei und ich legte einen Gang zu. Mit meinen Spikes unter den Schuhen und den Wanderstöcken kam ich auch ziemlich schnell voran – bis wir dann den Weg aus der Klamm heraus nach oben einschlugen, der uns zum Grenzgasthof Walserschanz brachte.
Da es am Morgen stark geschneit hatte, waren wir durch unsere Regenhosen und --jacken geschützt gewesen. Nun waren wir völlig verschwitzt und freuten uns auf ein leckeres Essen und vor allem das Auffüllen der rausgeschwitzten Flüssigkeit.
Direkt vor dem Gasthaus, das am Anfang bzw. Ende des Kleinen Walsertales auf der österreichischen Seite steht, ist eine Bushaltestelle. Nach wenigen Minuten Warten kam der Bus aus Richtung Riezlern und brachte uns auf direktem Weg nach Oberstdorf. Nun konnten wir den verschneiten Ort in all seiner Schönheit bewundern.
Am Samstag, 28. Februar 2009 begrüßte uns beim Aufwachen herrlichster Sonnenschein. Der Himmel war kitschig blau und ohne jede Wolke. Wir wollten unbedingt das Schwimmbad ausprobieren und taten vor dem Frühstück schon mal etwas für unsere Fitness. Mir tat es sehr gut, auch wenn das Wasser keine Thermalbad- Temperatur hatte. Aber ich konnte auch damit rechnen, dass „mann“ nicht davon begeistert war.
Das Frühstück ließen wir uns gut schmecken und machten uns auf den Weg Richtung Talstation der Nebelhornbahn. Wir wollten gerne nach oben fahren. Ich war neugierig, ob sich das Bild in meiner Erinnerung mit der Wirklichkeit deckte. Aber Zweifel kamen auf, ob es sich für uns überhaupt als Fußgänger lohne, da man wahrscheinlich bei einer Schneehöhe von 2,90 m auf dem Gipfel nicht mal bis zum Gipfelkreuz kommen würde, da wohl kaum der Weg dorthin vom Schnee geräumt wäre. Bei den Skifahrern sieht es anders aus. Die können ja dann wenigstens die Pisten nutzen.
Als wir ankamen, sahen wir, dass der ganze Parkplatz vor der Talstation voller Fahrzeuge war und Menschenmassen sich mit ihren Skiern angestellt hatten, um einen Platz in einer der beiden Gondeln zu erwischen.
Uns da einzureihen hatten wir überhaupt keine Lust. Wir gingen um das Gebäude herum und schauten interessehalber mal auf die Tabelle, die über der Kasse hing, was uns als Fußgänger denn eine Fahrt hin und zurück kosten würde. Da waren wir doch etwas schockiert. Der Normalpreis beträgt 26,00 €, abzüglich 1,00 €, wenn man eine Gästekarte hat (die hatten wir) und abzüglich 1,00 €, wenn man über 60 Jahre alt ist. Da wären wir für viel Geld hochgefahren, hätten vielleicht im Gipfelrestaurant etwas gegessen oder getrunken und wären dann wieder runter fahren. Und dafür war uns der Betrag von 48,00 € einfach zu teuer. Deshalb entschlossen wir uns zu einem Spaziergang Richtung Schattenbergschanze. Nach einigen geschossenen Fotos von der Schanze folgten wir der Straße weiter den Berg hinauf bis zum Cafe' Breitenberg. Wir setzten uns auf die sonnige Terrasse und ließen uns von der Sonne bescheinen. Vor dem Haus ging eine Piste vorbei, so dass man wie im Kino in der ersten Reihe saß, einfach nur schön. Und wir genossen Gespräche mit netten Leuten am Nebentisch und ließen es uns einfach nur gut gehen.
Als wir genug Sonne getankt hatten, machten wir uns auf den „Heimweg“ zum Hotel, wobei wir den oberen Weg ausprobierten und uns damit das nochmalige hoch Laufen erspart blieb. Denn wir waren schon auf der Höhe unseres Hauses.
Allerdings mussten wir zum Abendessen ja wieder in den Ort runter. Aber je öfter wir den Weg liefen, desto weniger machte es uns etwas aus. Das Laufen gehörte ja sowieso zu unserer Urlaubsplanung, warum also nicht den Weg zum Essen hin und zurück einfach mit einbeziehen?! Wir suchten uns diesmal ein anderes Restaurant aus. An diesem Abend gingen jedoch die Vorlieben auseinander. Ich wollte gerne etwas Leichtes essen, und ein Südtiroler lud mit einer für mich attraktiven Speisekarte ein. Werner fand nichts, was ihm da schmecken könnte und so landeten wir in der Pizzeria „Essenza“. Am besten hätten wir uns auf der Stelle umgedreht und wären wieder gegangen, als schon ein etwas arrogantes Mannsbild auf uns zusteuerte und uns bei beinahe leerem Raum fragte, ob wir reserviert hätten. Hallo? Wir waren zu zweit, weder Familie noch Verein, der da anrollte. Gnädigerweise fand er nach längerem Suchen in einer Liste dann ein „Plätzchen“ für uns, ein kleiner Tisch mittendrin. Auch Werner war schon bald der Appetit vergangen. Aber wir bestellten tapfer jeder eine Pizza und was zum Trinken. Aus der Küche roch es unheimlich angebrannt. Und so sahen die Pizzen dann auf der Unterseite auch aus. Leicht verkohlt an mehreren Stellen. Wir dachten, das kann ja mal passieren. Aber dann roch es andauernd verbrannt. Am Nachbartisch servierte man Bratkartoffeln, die zur Hälfte nur noch aus Kohle bestanden. Der Herr reklamierte, der Kellner entschuldigte sich: wenn er das vorher gesehen hätte, hätte er ihm diese Kartoffeln natürlich nicht serviert. Natürlich nicht! Der hatte das nicht nur gesehen, er hatte es auch gerochen. Wir zahlten schnell und machten uns, nachdem noch mehrmals rechts und links neben uns Pizzen mit verkohlten Böden serviert wurden, aus dem Staub (oder aus der Kohle?). Dahin würden wir nicht mehr gehen, das stand für uns fest.
Am Sonntag, 01. März 2009, schien die Sonne wieder, als ob es nicht anders sein könnte. Ich freute mich, denn schließlich hatte ich Geburtstag. Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Weg zu einer Flugschanze, von der ich Werner ewig erzählt hatte. Weil mir jeder etwas von der Schattenbergschanze zu berichten wusste, die durch die Fernsehübertragungen bekannt ist, aber von der anderen Schanze, der Flugschanze, niemand etwas sagte, meinte Werner schon, ich würde mich irren. Also musste ich erst mal Leute aus dem Ort fragen, die mir dann sagten, wo sie zu finden ist.
Dazu machten wir einen Waldspaziergang in Richtung Loretta-Kapelle, die mir von früher noch bekannt war. Und dann ging es weit hinein in das Tal der Stillach.
Oberstdorf liegt an drei Flüssen (oder größeren Bächen), die nördlich von Oberstdorf die Iller bilden. Im Osten fließt die Trettach, im Westen die Breitach, und mittendrin die Stillach. Es ist ein wunderschönes weites Tal, eingebettet in die herrlichen Berge ringsrum, nur mit einer Öffnung zum Ort hin.
Die Wege waren ganz hervorragend präpariert, so dass das Gehen ein Genuss war. Die Langläufer, die sich auf den Loipen trainierten, schienen ebenso zufrieden zu sein wie die Fußgänger. Bei schönstem Wetter erreichten wir dann „meine“ Flugschanze. Der Turm und der Sprungtisch waren 1962 noch aus Holz. Und da ich damals in den Turm gestiegen war und nach unten auf den Sprungtisch geschaut hatte (wobei mir schon damals ganz schummrig wurde), wollte ich das gerne nun, 47 Jahre später, bei der neuen Schanze auch. Also fuhren wir mit dem Sessellift bis unterhalb des Sprungtisches. Nach einem kurzen Weg ging es dann in den schräg verlaufenden Aufzug, der uns bis zur untersten von drei Plattformen hoch brachte. Wir gingen natürlich bis zur obersten Plattform. Und da stellte ich fest, dass ich den schönen Freibergsee dort oben, idyllisch auf dem Berg gelegen, fast vergessen hatte. Um den herum sind wir damals gelaufen, um wieder nach Oberstdorf zurück zu kommen. Leider war uns das jetzt nicht möglich. Die Wege waren zu vereist und bei manchen Strecken war noch immer Lawinengefahr angezeigt. Also fuhren wir wieder hinunter und gingen in das Flugschanzen-Restaurant essen. Es besteht erst seit 25 Jahren, daher kam es mir auch nicht bekannt vor. Ich vergewisserte mich allerdings beim Wirt, seit wann das Haus existiert. Im Restaurant sind viele Fotos von der alten Schanze, auf der der Vater des Wirtes und er selbst Siege errungen haben.
Nach einem schönen Aufenthalt wanderten wir wieder zurück in den Ort, wo wir auch unseren letzten Abend im Restaurant „Am Platz'l“ genüsslich ausklingen ließen.