HomeNorddeich - Auf ein Neues
Früher wäre es mir kaum in den Sinn gekommen, zweimal oder gar noch öfter an den gleichen Ort zu fahren, um meinen Urlaub dort zu verbringen. Doch manchmal gibt es Landschaften, Dinge oder Menschen, die einen irgendwie besonders anziehen.
Und so ging es uns in diesem Jahr 2006. Werner wurde krank, er durfte nicht selbst Auto fahren und eine Flugreise war unmöglich. Die Gefahr, dass etwas passieren konnte, wäre einfach zu groß gewesen. Innerhalb Deutschlands durfte er verreisen. Wir überlegten, wenigstens eine Woche die häusliche Umgebung einzutauschen gegen etwas anderes und einen Tapetenwechsel vorzunehmen.
In Norddeich und Norden kannten wir uns aus, wussten, wo, wenn irgend nötig, ein Arzt zu finden wäre, wo sich das Krankenhaus befindet und dass man schnell zu einem Taxi käme. Daher entschlossen wir uns, noch einmal in den uns vertrauten Ort zu fahren. Aber wir wollten wieder, wie bei einem der ersten Male, mit dem Zug hinfahren. Das geht ganz einfach. In Koblenz einsteigen, in Norddeich aussteigen. Kein Umsteigen, kein Gemenge mit Gepäck oder Koffern. Einfach Urlaub vom 1. Moment an. Das wollten wir.
Also fuhren wir zum Bahnhof. Wir, die sonst vom Bahnfahren so wenig Ahnung haben, besahen uns also die Automaten, die überall aufgestellt waren. Dort konnte man den Zielbahnhof eingeben, konnte die verschiedensten Züge mit den unterschiedlichsten Bezeichnungen wählen, konnte sehen, wie teuer oder preiswert die 1. oder 2. Klasse war. Es gab also Angaben genug, die man lesen oder eingeben konnte. Aber was war denn ein Regio oder IC oder ICE? Wir hatten nicht die geringste Ahnung. Und dann gab es auch die unterschiedlichsten Preisangaben für die Fahrkarten. Einfach ausgedrückt, wir kamen mit dem Automaten nicht zurecht. Kurz bevor wir am Verzweifeln waren, gesellte sich ein Servicemann zu uns. Er klärte uns auf über die verschiedenen Zugarten, Preisklassen, Restposten. Bei all den Erklärungen war ein Wort dabei, womit wir eine ganze Menge anfangen konnten: Restposten. Die waren doch auch besonders preiswert im allgemeinen.
Und wir hatten Glück. Genau für die Zeit, in der wir verreisen wollten, und das war schon eine knappe Woche später, gab es einen knappen Bestand an Fahrkarten, die nur einen Bruchteil von dem kosteten als vorher. Andere hatten uns erzählt, da hätten wir schon Monate vorher die Reise buchen müssen, um preiswert irgendwo hin zu kommen. Aber wie man sieht, es kann auch anders gehen. Wir waren jedenfalls ganz erfreut und schlugen bei diesem Schnäppchen zu.
Die Bahnfahrt für 2 Personen kostete uns gerade mal soviel wie der Sprit, wenn wir denn mit dem Auto gefahren wären. So hatten wir Zeit, direkt zu entspannen, konnten lesen und dösen, genüßlich das mitgebrachte Essen und Trinken genießen und uns relaxt unterhalten. Keine Staus wie auf der Autobahn, keine Idioten, die einen von Rechts überholen wollten, während man einen LKW auf der Überholspur überholte. Es war einfach nur schön.
Ich hatte mir drei Bücher mitgenommen für die Reise und begann mit der Lektüre des ersten bereits während der Zugfahrt. Nach der gleichen Zeit, die wir auch mit knappen Pausen bei der Autofahrt gebraucht hätten, kamen wir in Norddeich an. Nun brauchten wir ein Taxi, denn wir hatten nicht wie in den Jahren zuvor eine Pension direkt hinter dem Deich gebucht, sondern ein Nichtraucherhotel, das ganz neu einen Wellnessbereich mit Sauna und Schwimmbad anbot. Aber es lag nicht ganz so günstig, war am Ende von Norddeich und am Anfang von Norden gelegen. Aber eben ein Nichtraucherhotel. Schön, dachten wir, dass es so etwas gibt.
Außer im Barbereich, der allerdings leider offen war, und im Entree wurde dann auch wirklich nur draußen geraucht. Das Essen im Hotel Aquarius war einfach und gut und reichlich. Das Wasser des Schwimmbades war zwar nicht ganz so warm wie im Prospekt angegeben, aber es reichte, wenn man nicht die Vorstellung eines Thermalbades hatte. Mit dem Wetter hatten wir ausgesprochenes Glück. Schließlich war es der 2. September 2006, an dem wir den Urlaub gegannen. Die Sonne schien die meiste Zeit und verwöhnte uns mit sommerlicher Wärme. Wir genossen die Spaziergänge am Meer entlang, sahen wieder den Alpenstrandläufern zu, wie sie in riesigen Schwärmen plötzlich am Himmel auftauchten und mit einer Kehrtwendung nicht mehr zu erkennen waren. Es war einfach ein Phänomen, das uns immer wieder in seinen Bann schlug.
Und dann saßen wir wieder an der Mole, schauten auf die Schiffe, die von den Inseln kamen und im Hafen festmachten. Wir beobachteten Menschen, die mit Koffern ans Festland gingen, andere, die sich auf einen Urlaub auf einer der Inseln freute, die die Schiffe anlaufen. Es gab eine Menge Menschen, die Tag für Tag genau wie wir das gleiche Ziel hatten, nämlich keines, sich nur zu erholen. Und da sitzt man dann einfach so rum, unterhält sich mit wildfremden Menschen, stellt sogar Ähnlichkeiten fest, verabschiedet sich, ohne zu wissen, ob man sich noch mal wiedersieht. Aber man hat am Abend ein gutes Gefühl, ist dankbar, einen schönen Tag erlebt und nette Menschen getroffen zu haben.
An einem Tag schien zwar die Sonne, aber der Wind schaukelte sich zum Sturm hoch. Die meisten Vögel duckten sich in Bodennähe, um nicht versehentlich abzuheben. Bäume und Sträucher bogen sich mit den Böen, um nicht zu brechen. Wir hatten weniger mit Sonnenschein als mit Regen oder Wind gerechnet und dementsprechend die richtige Kleidung mit. Ein kleiner Pfad, der Strandpadd, führt vom Hotel beinahe schnurgerade zum Deich und zum Meer. Jeden Tag gingen wir den Pfad, machten immer mal wieder einen Abstecher durch eine der vielen Straßen des Neubaugebietes und betrachteten die neu gebauten Häuser und den Eifer der Menschen, Häuser und Gärten sauber zu halten.
Meine mitgebrachte Lektüre war zu schnell ausgelesen. Aber wenn man sich auskennt, ist es kein Problem, sich wieder neu einzudecken. Wir machten uns also auf nach Norden. Der Bus fährt in regelmäßigen Abständen und nahm uns mit bis ins Zentrum. Dort befindet sich eine Buchhandlung. Vorbei gehen ist sowieso immer schwer. Und nun zog es mich wie magisch hinein, sah ich doch Hape Kerkeling's Buch über seine Erlebnisse auf dem Jakobsweg dort liegen. Und dann war da auch noch „Das Dschungelkind“. Wunderschöne Bücher, phantastisch geschrieben, gut beschrieben.
Leider ging die Woche viel zu schnell vorbei. Aber sie hatte uns sehr gut getan, uns auf andere Gedanken kommen lassen. Die andere Umgebung, die andere Luft, das beruhigende Meer und die einfachen Aktivitäten hatten uns die Angst verlieren lassen, die eine schwerere Erkrankung mit sich bringt, wenn man nicht weiß, wie es weitergeht.
Es war eine gute Entscheidung gewesen, wieder einmal nach Norddeich zu fahren. Wir würden es immer wieder so machen.