Gedanken
          und Wünsche
          nehmen Raum ein
          in unseren Köpfen, werden
          zu Worten, denen Taten folgen
          und führen zur Verwirklichung eines Traumes




Ein Urlaub auf La Palma
oder
wie aus einem Wanderurlaub ein Gourmeturlaub wurde

Wir, das sind zwei befreundete Paare, suchten nach einem Urlaubsreiseziel. Unsere Vorstellung war ein Wanderurlaub in einer Landschaft, die interessant wäre, in einem Land, das nicht zu heiß und nicht zu kalt wäre, wo man auch schwimmen und vor allem gut essen und trinken könnte - und stießen auf La Palma.
La Palma ist eine Insel, die zwar zu den Kanaren gehört, aber vom Klima her für den nicht so sonnenverwöhnten Mitteleuropäer im Hochsommer verträglicher, und mangels langer Sandstrände noch nicht so vom Tourismus überlaufen ist. Sie ist die westlichste der Kanarischen Inseln und wie alle anderen vulkanischen Ursprungs. Ein Senkkrater im Norden der Insel, die Caldera de Taburiente, der kein Vulkankrater ist, sondern durch Wassereinbrüche und Erosion entstand, hat ein riesiges Ausmaß. Die höchste Erhebung in der Nähe des Observatoriums ist der Roque de Los Muchachos mit 2421 m Höhe. Den Abschluß der Insel im Süden bilden zwei Vulkane, der San Antonio und der Teneguía, von denen der letztere 1971 zum letzten Mal ausgebrochen ist. Inmitten der Insel erstreckt sich ein vulkanisches Gebirge von Nord nach Süd mit einer interessanten Krater- und Vulkanlandschaft. Dort gibt es die unterschiedlichste Vegetation und viele Wanderwege. Wer gerne wandert, kommt hier voll auf seine Kosten. Da gibt es den Krater des Hoyo Negro, den Vulkan San Juan, den Krater del Duraznero und die Vulkane Deseada I und II. Auf der Insel gibt es insgesamt 160 Vulkane, einfach zu viele, um sie alle aufzuzählen, und vielleicht haben die meisten von ihnen auch überhaupt keine Namen oder sind nicht mehr als Vulkan zu erkennen, weil die üppige Vegetation Schlote und Kraterränder überwuchert, oder Wind und Regen die Konturen verwischt hat. Eine solche Insel interessierte uns. Auf der Suche nach Unterkünften war uns ganz klar, was wir nicht wollten: in einer Bettenburg landen! Doch da es eigentlich nur eine Handvoll Hotelanlagen auf der ganzen Insel gibt, war die Gefahr von vornherein gebannt. Wir entschieden uns schließlich für ein Appartement in einem einfachen, einsam gelegenen Haus mit Pool und Grillplatz, in der Nähe eines kleinen Ortes, in dem man Einkäufe tätigen könnte. Im Reisepreis war ein Mietwagen für die gesamte Urlaubszeit inbegriffen. Da wir die Infrastruktur der Insel nicht kannten, wußten wir noch nicht, wie lebensnotwendig ein Fahrzeug auf der Insel ist.

Kurz nach 8.00 h startete die Maschine Richtung La Palma. Der Flug war ruhig und wir fühlten uns sanft umhüllt vom blauen Himmel. Das Brummen der Motoren wirkte beruhigend und der Service war gut. Die Länder unter uns wechselten, Landschaften veränderten sich. Frankreich, Spanien, Portugall entschwanden unserem Sichtfeld. Das Festland wurde durch den Atlantik abgelöst. Auf der rechten Seite tauchte Madeira im Dunst auf, kurz darauf Gran Canaria und Teneriffa. Nach einem Schlenker vor La Gomera und El Hierro hielt der Pilot auf die kurze Landebahn von La Palma zu. Beim Sinkflug durchbrach das Flugzeug dicke, weiße Wolken, die an Eischnee erinnerten. Wir nahmen unsere Koffer in Empfang und suchten nach der Reiseleitung. Eine junge Frau mit dem Emblem des Reiseveranstalters drückte uns einen Umschlag mit Informationen in die Hand und stellte uns einen jungen Mann vor, der uns zu „unserem" Auto brachte. Wir rechneten mit einem Kleinwagen und waren erfreut, daß es ein größeres Fahrzeug war, mit dem wir unser Gepäck transportieren konnten. Man hatte wohl berücksichtigt, daß wir mit vier Personen in den Wagen hineinpassen mußten.
Werner fuhr hinter einem Palmesen her, der die Karawane von drei Fahrzeugen anführte und jeden an sein Ziel lotsen sollte. Mit drei Koffern im Kofferraum und einem auf der Rückbank ging es los. Die Rucksäcke hatten wir auf dem Schoß liegen. Wir bekamen einen ersten Eindruck von der Insel, die wir in Ost-West-Richtung durchfuhren. Fremde Vegetation, Straßen ohne Seitenstreifen, dann wieder breitere Straßen, sogar mit einer Fahrspur für die langsameren Fahrzeuge, Tunnels, die den Berg durchbrachen und die Fahrzeit verkürzten. Und immer ging es bergauf, bergab und wieder bergauf. El Paso, Los Llanos - fremde Städtchen wurden durchfahren und noch immer wußten wir nicht, wo wir landeten. Die ersten Gäste hatten bereits ihr Ziel erreicht, die nächsten sollten wir sein. Die schmale Straße schlängelte sich am Berghang entlang. Linker Hand ein tiefes Tal. Auf der anderen Talseite führte eine Straße genau wie die, auf der wir fuhren, in Serpentinen den Berg wieder hinauf. Wir fuhren eine weite Strecke in den tiefen Taleinschnitt hinein. Laute Schüsse ließen uns zusammenzucken.



Was konnte das sein? Und dann sahen wir die Schützen mitten im Qualm ihrer Munition stehen. Sie schossen Böller zu Ehren der Mutter Gottes. Schließlich war der 15. August, Mariä Himmelfahrt. Eine Prozession frommer Menschen war gerade zum Stillstand gekommen und drängte sich um die mexikanisch wirkende Kirche. Wir fuhren an ihnen mit ziemlichem Tempo vorbei, immer unserem Führer hinterher, der keinen Gedanken daran zu verschwenden schien, daß die ihm nachfolgenden Fahrer, die die Gegend nicht kannten, seine Geschwindigkeit als zu hoch empfinden könnten. Weiter führte das schmale Sträßchen aufwärts, Serpentine um Serpentine kletterte der Konvoi den Berg hinauf. Hier gab es nicht nur keinen Randstreifen, hier brach am weißen Streifen, der als äußerste Randbegrenzung galt, die Straße plötzlich jäh ab. Ein 30-50 cm tiefer Spalt stellte die unsanfte Verbindung zum Felsen dar, an den man besser nicht rutschen sollte. Wir fuhren von der Durchgangsstraße und durchfuhren ein Dorf: La Punta. Hier mußte irgendwo unser Haus liegen, daß wir uns ausgesucht hatten. Deshalb hofften wir, endlich am Ziel zu sein. Wir hatten uns von der Talsohle auf beinahe 600 Höhenmeter hochgewrungen, doch zu unserem Erstaunen ging es wieder in Serpentinen bergab. Endlich bog der Palmese, der uns vorausfuhr, von der Nebenstraße in eine kleine Straße ein. Hier lag das gebuchte Haus. Wir waren da. Die Anlage war schöner, als sie auf dem Foto im Katalog ausgesehen hatte und lag inmitten ausgedehnter Bananenfelder. Ich war erleichtert. Der Patron erwartete uns bereits und zeigte uns die Wohnung. Sie war ausreichend, hatte allerdings ein winziges Badezimmer. Wir stellten unser Gepäck in die Schlafzimmer und radebrechten mit dem Besitzer des Hauses in deutsch-englisch-spanischem Kauderwelsch. Doch wozu hatten wir unseren Peter. Er ist unser Universalsprachler. Während wir noch dabei waren, die Klamotten unterzubringen, hatte Peter dem Patron bei der Besichtigung der Grillhütte bereits seinen mitgebrachten rheinhessischen Schnaps angeboten, und der Mann war geradezu aufgelebt. Dann kamen die beiden zu uns, und der Patron erklärte, er habe eine Finca mit einer Bodega, in die er jetzt gleich fahren wolle, und ob wir mitkommen wollten. Wer hätte ein solches Angebot ablehnen können? Wir fuhren hinter seinem Wagen her und wunderten uns, um wieviel schneller er auf der Dorfstraße war und wollten uns die Abkürzung merken. Der Weg war steil, steiler, am steilsten und führte uns durch eine Siedlung schöner Häuser, die am Hang klebten. Der steile Weg endete wieder auf der Dorfstraße. Von dieser ging es wieder auf die Hauptverbindungsstraße oberhalb des Dorfes, dann noch ein kurzes Stück. Der Patron bog rechts ab und wir folgten ihm in eine große Gartenanlage. Stolz zeigte er uns seine Bodega. Er bot uns selbstgebrannten Trester (von den eigenen Trauben) an, nannte es Aqua de tierra, oder so ähnlich, und schnitt uns von einem drei Jahre alten Ziegenkäse einige Stücke ab. Dazu servierte er einen Super Rotwein, von dem wir ihm direkt einen Fünf-Liter-Kanister abschwatzten. Da Feiertag war und die Geschäfte alle geschlossen waren, hatte er uns auf der Hinfahrt bei seinem Freund Pedro in der Kneipe des Ortes avisiert. Wir aßen dort guten Fisch und bekamen auch da einen guten Wein. Das einzige, was uns nicht so gut gefiel, war, daß die Tischplatten ziemlich klebten. Wieder in unserem Feriendomizil angekommen, probierten wir gleich den Pool aus. Schönes, sonnengewärmtes Wasser umfloß unsere müden Körper. Nach unserer Erfrischung im Wasser saßen wir vier noch etwas zusammen. Doch wir waren mehr als 18 Stunden auf den Beinen und fielen nach einem ereignisreichen Tag um 21.00 h deutscher Zeit, 20.00 h Ortszeit, hundemüde in die etwas zu weichen Betten. Nicht einmal die lästigen Moskitos konnten uns ärgern, und das Rauschen der Bananenblätter, die im Wind aneinanderschlugen, klang wie das Aufklatschen dicker Regentropfen auf der Erde und schläferte uns ein.

Am zweiten Urlaubstag auf La Palma ließen wir es langsam angehen. Wir entschlossen uns, zunächst die nähere Umgebung zu erkunden und dann immer weitere Kreise zu ziehen, um die Insel kennenzulernen. El Paso war unser erstes Ziel, und Gudrun las uns die Sehenswürdigkeiten aus dem Reiseführer vor. Die Altstadt war sehr schön geschildert, Kleinhandwerker sollten dort ihre Werkstätten haben, Zigarrenschnitzer ihrer Arbeit nachgehen, und man sollte die Möglichkeit haben, ihnen allen bei der Arbeit zuzusehen. Doch nichts und aber nichts war davon zu sehen. Wir fragten ein paar der alten Herren, die sich zu einem gemütlichen Plausch auf einer schattigen Bank niedergelassen hatten. Aber entweder verstanden sie uns nicht, oder sie wußten wirklich nichts von alledem. Ein wenig enttäuscht fuhren wir weiter zu einer von mehreren Zufahrten zur Caldera. Die Straße führte durch einen lichten Wald, in dem die Möglichkeit für die Palmesen war, an freien Tagen zu grillen und sich zum Picknick mit der ganzen Familie zu treffen. Oberhalb des Platzes gab es zwei kleine Parkplätze. Wir stellten den Wagen ab. Von hier aus wollten wir unsere erste Wanderung beginnen. Wir zogen unsere Wanderschuhe an, nahmen Wanderhüte, Stöcke und Fotoapparate und gingen ein kurzes Stück auf einem Weg, der steil nach unten in die Caldera führte. Doch die Mittagshitze und der steile Pfad hielten uns vom richtigen Abstieg ab. Die Hitze schlug aus der Caldera hoch und man konnte sich ausmalen, wie es uns unten gehen würde. Und die Vorstellung, den Weg auch wieder hinaufstapfen zu müssen ließ uns zögern, weiter zu gehen. Und dann lasen wir auf einem Schild am Anfang des Weges die Warnung, daß man den Einstieg nicht an einem Nachmittag beginnen sollte. Also gingen wir ein Stück zurück und sahen uns den Weg an, der in die entgegen gesetzte Richtung führte. Er war bequem zu gehen und wir wären ihm gerne weiter gefolgt. Doch nach zwanzig Minuten in der Mittagshitze (wer macht auch schon so was!) gaben wir unser Vorhaben auf. Ein andermal, sagten wir uns. Am ersten Tag muß man nicht gleich eine größere Tour beginnen, und schon gar nicht dann, wenn sich im Kessel des Senkkraters die Hitze staut. Auf der Rückfahrt über El Paso kauften wir ein und aßen beim Amigo vom Patron zu Abend. Anschließend tranken wir noch auf unserer Terrasse einen guten Wein.

Am nächsten Tag wurden wir ohne Wecker rechtzeitig wach. Man hatte uns gesagt, daß morgens um 8.30 h ein Bäcker käme. Das würde uns die Fahrerei von unserem Ferienhaus in 400 m Höhe über NN zum Bäcker im 4 km entfernten Dorf in 600 m Höhe über NN ersparen. Und tatsächlich rumpelte der Lieferwagen des Bäckers pünktlich zur angegebenen Uhrzeit direkt bis vor die Haustüre und bot zwei verschiedene Arten von Brötchen an. Praktischer konnten wir es wirklich nicht haben. Während des Frühstücks beschlossen wir, nach Norden zu fahren und die Caldera von der anderen Seite zu erobern. Diesmal waren wir früher am Tag unterwegs, hatten aber unsere einstellbaren Wanderstöcke vergessen. Doch das sollte uns nicht von einer schönen Wanderung abhalten. Werner kämpfte mit den Serpentinen, die in einem unglaublichen Winkel eine ebenso unglaubliche Steigung aufwiesen. Schließlich hatten wir die Höhe, die Zufahrt zum Observatorium und zur höchsten Erhebung der Caldera „Roque de los Muchachos", erreicht. Wenig später stellten wir das Auto auf einem Parkplatz ab und wanderten auf einem schmalen Pfad nach oben an den Rand der Caldera. Beim Gehen schien mein rechter Wanderschuh (ein älteres Produkt einer bekannten Markenfirma) ständig an irgendwelchen Steinen oder Büschen hängenzubleiben, bis ich merkte, daß sich die Sohle gelöst hatte und nur noch an einer Stelle festklebte. Bevor ich damit fallen konnte, riß ich sie mit einem Ruck ab und überlegte, wie ich jetzt meine Wanderung fortsetzen könnte. Zunächst faszinierte uns die erhabene Landschaft, die sich unseren Augen bot. Der Blick in die Senke war atemberaubend. Eine ungeheuer schöne Landschaft tat sich vor uns auf. Doch wie sollten wir hier oben, entlang des Abgrunds, weiter wandern? Der Pfad war mehr als schmal und nicht jeder ist schwindelfrei. Und ich lief mit einem defekten Schuh, bei dem nur noch das aufgeklebte Schaumstoffsöhlchen meine Füße von Sand, Steinen und Pflanzen trennte. Deshalb beschlossen wir den Abstieg. Ohne die stabile, strukturierte Sohle am rechten Schuh spürte ich jeden dickeren Stein, und ich hatte keinen Halt auf dem sandigen Boden des Hanges. Unten angekommen, löste sich die Sohle des linken Schuhs ebenso ab, wie um sich mit dem bereits abgerissenen Partner, den ich in meiner Hand hielt, solidarisch zu zeigen. Am Parkplatz stand ein Abfallbehälter, den ich zur Grabesstätte für meine Wanderschuhe auserkor. In ihn bettete ich sie mit einem Dankesspruch für ihre geleisteten Dienste zur ewigen Ruhe. Da ich meine Sportschuhe nicht im Auto mitgenommen hatte, (wer hätte auch damit gerechnet, daß die guten, teuren Schuhe nach so wenigen Einsätzen ihren Geist gerade jetzt aufgäben?) fuhren wir weiter nach Osten. Wenn das Schicksal es nicht wollte, daß wir wanderten, dann wollten uns die Hauptstadt der Insel, Santa Cruz einmal ansehen. Die Fahrt war abwechslungsreich und schön. Sie führte uns wieder durch tiefgrüne Wälder und blumengeschmückte Orte. Von der Höhe schlängelte sich die Straße ins Tal, und immer lag vor uns das in der Sonne glänzende Meer. Und dann sahen wir Santa Cruz vor uns. Wir stürzten uns in den Betrieb einer Stadt. Ein Parkplatz war schnell gefunden und Hunger stellte sich ein. Der Reiseführer hatte ein Restaurant vorgeschlagen. Nach einem kurzen Spaziergang durch die Altstadt fanden wir das Lokal. Die Atmosphäre hätte man sich nach der Beschreibung etwas behaglicher gewünscht, aber das Essen war nicht schlecht. Gesättigt machten wir uns dann auf, die Altstadt von Santa Cruz kennen zu lernen. Gleich an der Uferstraße sind sehr schöne Hausfassaden zu sehen. Geht man durch die Gassen, steht man immer wieder auf kleinen, heimeligen Plätzen. Leider waren die Geschäfte geschlossen (das sind sie jeden Tag bis 17.00 h). Also fotografierten wir, was wir für wert hielten und machten uns dann wieder auf den Heimweg.
Die Abende auf der Terrasse hatten einen besonderen Reiz. Der Himmel verfärbte sich. Die untergehende Sonne hinterließ rote Spuren in den Wolkenbändern, dann zogen dunkle Wolken von Osten über die Berge und bedeckten den Himmel, als ob man jederzeit mit Regen rechnen müßte. Doch mit heraufziehender Nacht lösten sie sich in Nichts auf. Und Millionen großer und kleiner Sterne, glänzend und hell, blinzelten uns vom pechschwarzen Himmel zu.

Unser vierter Tag in La Punta de Tijarafe. Am Abend zuvor war es spät geworden. Wir hatten lange zusammengesessen und geschwatzt. An diesem Morgen fühlte ich mich zum ersten Mal nicht fit genug, um vor dem Frühstück schwimmen zu gehen. Dabei hatte ich mir so sehr vorgenommen, jeden Morgen mit Bewegung zu beginnen. Wenn wir von unserem Haus von der Anliegerstraße zur größeren Nebenstraße fuhren, bogen wir gewöhnlich nach links ab in Richtung des Ortes La Punta. Heute wollten wir nach dem Frühstück gerne einmal wissen, wohin die Straße hinführte, wenn man nach rechts abböge. Wir fuhren an wenigen Häusern, einem Glascontainer und einem Telefonhäuschen vorbei. Doch kaum einen Kilometer weiter war plötzlich die Straße zu Ende. Ohne vorherigen Hinweis. Ein großer Felsbrocken und ein Mäuerchen bildeten die Grenze zum Abgrund. Lediglich ein markierter Fußweg führte von dort nach oben und unten. Der Abwärtsweg führte nach Puerto de Tazacorte, der Aufwärtsweg sicher nach La Punta. Die Fußwege wären jedoch nur mit wirklich guten Wanderschuhen zu begehen gewesen. Wir wendeten das Fahrzeug und fuhren die Straße wieder zurück nach oben in Richtung La Punta bis auf die Hauptstraße, die uns wieder nach unten nach Tazacorte brachte und weiter nach Puerto Naos. Es ist der wohl bekannteste Badeort auf der Westseite der Insel. Hier finden Urlauber all das, was sie auch in allen anderen Ferienorten der Welt finden: viele Touristen, Souvenirläden, Lokale und high live. Wir durchfuhren den Ort, waren abgeschreckt von einem häßlichen Hotelkomplex am Ortseingang, der so gar nicht in die Landschaft passen wollte und der sich in kleinerer Version im Ort wiederholte. An einem Nachbarstrand mit schwarzem Lavasand, wie überall auf dieser Insel, schlugen wir, natürlich nur symbolisch, unsere Zelte auf. Leider waren doch einige größere Steine im Meer, über die zu gehen das Hinein und Heraus etwas schwierig war. Wir ließen uns jedoch nicht davon abhalten und schwammen eine Zeitlang. Als unsere Kleidung durch die auflaufende Flut bedroht wurde, packten wir alles wieder ins Auto und fuhren weiter nach El Remo. Wie in der Bronx, war unser erster Gedanke. Aber wir wollten ja die Insel mit allen Vor- und Nachteilen, mit allen Wenn und Aber, mit allen Farbnuancen kennen lernen. Wir entdeckten ein einfaches Lokal, Bar, wie draußen dranstand, und schlemmten wie die Könige. Frischer Fisch, guter Wein, was wollten wir mehr? Und dazu wurde das Lokal immer voller. Für die Einheimischen schien es der Geheimtip zu sein. Wir fühlten uns rundherum wohl. Gesättigt und glücklich fuhren wir wieder „nach Hause" zurück, machten ein Mittagsschläfchen, schwammen anschließend im Pool und fuhren noch mal in unseren Ort (La Punta) zum Einkaufen in den kleinen Supermarkt.

Der fünfte Tag war angebrochen. Gudrun hatte im Reiseführer die Beschreibung eines Weges zu einem Vulkan (San Juan) gefunden, nach dem man nicht einmal die Einheimischen fragen sollte, weil sie ihn nicht kennen würden. Das machte uns neugierig. Immer wollten wir Don Juan sagen. Mit dem aber hatte der seitlich am Berg klaffende Krater inmitten eines schönen Kieferwaldes wirklich nichts zu tun. Der Ausbruch muß damals ziemlich stark gewesen sein, denn die heruntergeflossene Lava hatte sich ihren Weg bis zum Meer gebahnt. Der Weg war sehr bequem zu gehen und hätten wir nicht das Auto auf dem Parkplatz stehen gehabt, hätten wir bis zur Südspitze nach Fuencaliente weiter laufen können. Ein Waldarbeiter, der die langen Kiefernnadeln am Weg entlang zu Haufen zusammenwarf, die anschließend abgefahren wurden, hatte eine brennende Zigarette im Mund. Und das bei völlig ausgetrocknetem Boden! Wirklich brandgefährlich. Gerade erst vor wenigen Wochen hatte ein großer Brand in der Caldera de Taburiente gewütet. Zum Glück arbeitete der Mann, als wir auf dem Rückweg wieder an ihm vorbeikamen, ohne Zigarette im Mund. Weil aber das ungute Gefühl blieb, waren wir doch froh, als wir das Waldgebiet wieder verlassen hatten.

Wir hatten vom Bauernmarkt in Mazo gehört und besuchten die an einem Steilhang gelegene kleine Stadt. Auf der Suche nach einem Restaurant gerieten wir in ein von einem Schweizer geführtes Haus. Das war zwar nicht unbedingt das, was wir uns unter einem Restaurant in kanarischen Gefilden vorgestellt hatten, aber wir fanden sonst nur noch ein Paar Bars mit Tapas. Der Markt war in einer Markthalle und die jeweiligen Gerüche hafteten in den Räumen. Er bot von allem etwas und man hatte sogar die Möglichkeit, zu probieren, bevor man etwas kaufte. Worauf wir immer ganz erpischt waren, war ein Hartkäse aus Schafsmilch, oder einem Hartkäse halb aus Schafs- und halb aus Ziegenmilch. Uns fiel auf, daß die äußere Hülle der Käse immer die gleichen Ornamente eingeprägt hatte und sie erinnerten uns an die Muster, die die Guanchen, die Ureinwohner der kanarischen Inseln, auf ihre Keramiken geritzt hatten.



Eine Töpferei machte Reklame für ihre Arbeit, und wir suchten die etwas abseits des Ortes gelegene Werkstatt auf, in denen die Künstler unter anderem nach Guanchenmotiven arbeiteten.
Auf der Weiterfahrt kamen wir an der Höhle von Belmaco vorbei und besuchten auch diese. Hier hatte eine Guanchenfamilie früher mit ca. 20 Personen gelebt. Von dort waren sie mit langen Stöcken über Stock und Stein in Windeseile nach unten zum Meer gelaufen. Die Guanchen haben überall auf den Inseln ihre Spuren hinterlassen. Auch heute noch gibt es geröstetes Getreide und Speisen, wie zu Zeiten, bevor die Spanier sich die Inseln unterwarfen. Und die Zeichen, die sie hinterließen, waren vielleicht schon eine Schrift, die jedoch bis heute nicht erklärt werden konnte.
Unsere Fahrt ging auf der Küstenstraße weiter über Fuencaliente, an den Vulkanen vorbei zurück nach La Punta. Und immer wieder konnten wir es kaum fassen, daß auf halber Höhe des aus dem Meer ragenden Gebirges unser Ferienzuhause lag, und wir immer wieder erst einmal von Los Llanos aus in die Talenge hinter Tazacorte hineinfahren mußten, um uns von dort wieder auf 600 Höhenmeter hochzuschrauben und dann die 200 m hinabzufahren, um zum Haus zu kommen. Dabei erinnerte das Gebirge in seiner strengen Kargheit an die Anden oder an Tibet.

Am Abend saßen wir wieder auf „unserer Terrasse" gemütlich zusammen. Gudrun hatte in der Küche einen Gecko gesehen. Wir freuten uns, daß wir außer der Fliegenklätsche auch einen Helfer aus dem Tierreich hatten, der uns die manchmal nervigen Insekten aus dem Weg räumte. Und auch dieser sehr schöne Tag klang ganz weinselig aus.

Der sechste Tag. Sonntag. Keine frischen Brötchen. Zum Glück hatten wir Toastbrot und Reste vom Vortag. Irgendwie kamen wir nicht so richtig in Schwung. Alles hing in den Seilen. Es waren immer wieder die bekannten Unlust- und Müdigkeitsschübe, die man an bestimmten Tagen in jedem Urlaub erlebt. Wir konnten uns zu nichts entschließen und machten nach einer längeren Phase am Haus eine kurze Fahrt nach Tijarafe. Oberhalb des Ortes kehrten wir in eine „Einheimischen-Kneipe" ein.



Es nannte sich Restaurant und Bar und wir erhofften uns ein normales Mittagessen. Der Wirt nannte die Speisen, die er anbieten konnte, und wir bestellten uns Lamm, Salat, Pellkartoffeln (eigentlich Schrumpelkartoffeln, nämlich „papas arrugadas" und Brot. Die draußen stehenden Stühle waren seit ihrer Anschaffung vermutlich noch nie gesäubert worden und klebten genau wie die Tischplatte vor Dreck. Auf den Tisch kam kein Papierset, nicht einmal der sonst in Spanien obligatorische Serviettenspender wurde hingestellt. Aus einem uns unerfindlichen Grund entschlossen wir uns trotzdem zu bleiben. Gudrun und ich nahmen die mitgebrachten Globuli Okoubaka ein und wollten uns damit vor eventuellen Magen- oder Darmschwierigkeiten schützen. Unsere Männer schworen mehr auf Wein und Hausbrand. Die Getränke waren gut. Das Lamm, das mit Knochen serviert wurde, war etwas wahllos zerschlagen worden, und man hatte immer mal wieder Knochensplitter im Mund. Peter ließ sich vom Wirt eine Flasche Hausbrand verkaufen (wer weiß, ob er sich damit später nicht nur die Hände desinfizieren wollte). Wir kamen uns so mutig vor wie Eroberer, als wir die Bar verlassen hatten.(Auch so was muß man mal mitgemacht haben, frohlockten wir!) Später nannten wir den Wirt nur noch den Schmuddel-Jakob. Den Rest des Tages verbrachten wir gemütlich am Haus, lasen und schwammen und machten aus unserem Essen in der Grillhütte eine „Party", die gegen 24.00 h endete.

Der siebte Tag bescherte uns wieder die gewohnten frischen Brötchen, die der Bäcker pünktlich um 8.30 h ablieferte. Wir entschlossen uns nach einem gemütlichen Frühstück zu einer Fahrt in den Süden. Die Vulkane San Antonio und Teneguía lockten uns. Für ein kleines Entgelt konnten wir den Wagen abstellen und den San Antonio bis zur Hälfte umrunden. Für die andere Hälfte lagen Kamele bereit, deren Halter gerne etwas dazuverdient hätten. Aber wir fanden, daß Kamele hier nichts zu suchen hatten und verzichteten.

Der Blick von der höchsten Stelle hinunter auf den



zuletzt ausgebrochenen Vulkan Teneguía, in dessen Krater wir hineinsehen konnten, auf die Südspitze der Insel mit der Salzgewinnungsanlage, den Windmühlen und dem Leuchtturm über dem blauen Meer war einfach grandios. Zu unseren Füßen huschten halbzahme Geckos über Steine, verschwanden in Ritzen, lugten wieder neugierig hervor, und einer ließ sich sogar füttern. Wir gingen auf dem bequemen Weg am Kraterrand des San Antonio wieder zurück zum Auto und fuhren weiter nach Puntalarga. In einem einfachen Restaurant ließen wir uns zu Speis und Trank nieder. Hier gab es nicht nur einen delikaten Fisch zu essen (lt. Peter hatte ich eine Brasse, deren Zähne einem kleinen Hai sogar zur Ehre gereicht hätten), wir konnten auch Taucherinnen und Taucher beobachten, die sich in die Bucht wagten. Doch wir wollten auch zum Leuchtturm. Die Straße dorthin war schmal und einfach und zeigte uns rechts und links eine phantastische Vulkanlandschaft. Scheinbar aus dem Nichts wuchsen kleine Blumenbüsche, deren verschiedenste Farben mit den Farbvarianten der Lava phantastisch kontrastierten. Hier an der Südspitze der Insel wehte ein starker Wind. Wir stemmten uns gegen seine Kraft und schauten hinunter auf das Meer. Ein deutscher Urlauber hielt sein Fahrzeug neben uns an und lenkte unser Augenmerk auf eine Bar unterhalb des Leuchtturmes, in dem es leckere Thunfischkroketten geben sollte. Wir bedankten uns für den Tip und fuhren hinunter. Da wir bereits gegessen hatten, sahen wir die wirklich köstlich schmeckenden Kroketten als Nachtisch an und tranken (wieder einmal) einen guten Inselwein dazu. Nebenbei konnten wir die Arbeit der Fischer beobachten, die Sperrnetze aus einem kleinen Boot nach oben zogen. Und wir sahen zu und sahen zu und glaubten, das könne nicht mit rechten Dingen zugehen. Soviel Netze könnten gar nicht in einem so kleinen Boot drin sein. Ein anderes Boot wurde vom Fischer, der alleine darin saß, immer auf einer Stelle gehalten. Endlich war das Netz komplett draußen und das Boot drehte zum Anlegen in die andere Richtung. Jetzt kamen die Männer, die zuvor beim Herausziehen des Netzes geholfen hatten, zum steinigen Strand, um mit vereinten Kräften das Boot auf Land zu ziehen. Dabei wurde der Wellengang ausgenutzt.



Endlich konnten sie anpacken. In regelmäßigem Abstand legten sie runde Hölzer vor das Boot und ließen es darauf den Strand heraufrutschen. Als es in seiner „Garage" untergebracht war, wurde endlich auch der einsam in seinem Boot sitzende Fischer an Land geholt. Sein Boot war voller Fische, die sofort an Ort und Stelle verkauft wurden, wobei sich eine Händlerin offensichtlich sehr kritisch verhielt und den Preis drücken wollte. Endlich war der größte Teil des Fanges verkauft. Wir verließen den schönen Ort und fuhren zu unserem Domizil zurück, vorbei an Lavafeldern, die uns wieder faszinierten. Die Schönheit der Landschaft anzusehen und in uns aufzunehmen, das Schwimmen im Pool, faulenzen, Canasta spielen, so ein Urlaub ohne Fernseher, Radio, Telefon war einfach erholsam. Wir blieben gemütlich auf der Terrasse sitzen, bis die Sonne am Horizont verschwunden war und der Himmel seine rosa Färbung gegen das Nachtschwarz eingetauscht hatte. Sobald die Außenlampe ihr Licht auf die Terrasse warf, besuchten uns riesige Stabheuschrecken, setzten sich hinter Peter auf die Mauer oder sogar auf sein Hosenbein. Das Licht lockte die Tiere wie magisch an. Zikaden aus den benachbarten Bananenplantagen brummten wie fliegende Motoren um unsere Köpfe, bevor sie sich mit einem lauten Plumps auf dem Terrassenboden niederließen. Sie sahen aus wie riesige Totengräber mit Flügeln.

Am achten Urlaubstag fiel uns wieder ein,



daß wir eigentlich auf La Palma wandern wollten. Zwar nicht ausschließlich, das war von Anfang an nicht die Absicht gewesen, aber doch so oft, daß man überhaupt von Wanderurlaub sprechen konnte. Bisher hatten wir alles andere getan. Diesmal wollten wir Ernst machen und den Norden erkunden. Im Reiseführer stand, daß die Infrastruktur noch sehr schlecht sei und es erst seit wenigen Jahren eine gescheite Verbindung zum restlichen Land gäbe. Und diesmal stimmten die Angaben wirklich. Es gab nur diese eine Straße, von der dann von Zeit zu Zeit mal eine Straße abging. Die Landschaft war hier zwar lieblicher und nicht ganz so wild zerklüftet, aber auch gegen Norden ging es bergauf und bergab. Und das kostete Zeit. Gudrun hatte aus dem Reiseführer einen Wanderweg ausgesucht. Es sollte der sogenannte Königsweg sein, ganz nahe bei Garafía. Angeblich sollte er gut ausgeschildert und nicht sehr schwer zu gehen sein. Aber als wir den Einstieg nicht auf Anhieb fanden, fuhren wir erst einmal nur an der Steilküste entlang. Und auf einmal war es schon Mittag. Wir bekamen allmählich Hunger und die Lust am Wandern wurde zurück gestellt. Wir schauten uns Garafía an und staunten, daß ein Ort dieser Größe in Reiseführern und Landkarten in dickem Fettdruck wie eine Großstadt wirkte. Der Ortskern bestand aus wenigen Häusern und einer Hauptstraße, von der kleine Gäßchen abgingen. Da wir die Wanderung verschoben hatten, suchten wir jetzt statt des Königsweges ganz gezielt ein im Reiseführer gelobtes Restaurant, das „Bernegal". Wir gingen auf der Hauptstraße des Ortes hin und her, glaubten schon, das Lokal sei doch außerhalb, stiegen wieder ins Auto, fuhren ein kurzes Stück und fanden es nicht. Aus irgend einem Grund hatten wir uns auf genau das Restaurant versteift und wollten kein anderes, und Gudrun las noch einmal die Beschreibung. Ganz langsam fuhren wir wiederum die Häuserzeile ab, suchten den Straßennamen an den Häusern und endlich fanden wir das Restaurant, dessen Namen nur am Haus selbst stand. Kein Schild, keine Reklame war zu sehen. Wir stellten das Auto ab und betraten staunend ein unglaublich schönes Haus mit gefliesten Böden und Wänden, strahlend weißen Gardinen an den Fenstern, blütenreinen Tischdecken, Bestecken, Gläsern und Tellern wie im Grand-Hotel. Und wir bestellten, was uns gefiel aus dem reichhaltigen Angebot einer großen Speisekarte. Lecker, lecker ohne Grenzen. Das Restaurant kann sich „Von" nennen. Nach dem Essen gab es wieder einen Grund zu staunen. Wir gaben von Beginn des Urlaubs an den Toiletten Punkte. Gudrun hatte so ihren speziellen Punktekatalog, z.B. ob man die Türe abschließen konnte, ob Papier da war, ob Wasser lief usw.. Hier gab es die volle Punktzahl. Und dann erstaunte uns der Preis. Auch der konnte unter äußerst positiv vermerkt werden. Völlig zufrieden machten wir uns auf den Rückweg.




Bei Tijararafe wollten wir zur Schmugglerbucht. Die schmale Straße erschien uns fast senkrecht den Berg hinunterzuführen. Irgendwo mußten wir dann den Wagen stehen lassen. Im Reiseführer stand, man solle zwei Kehren vor dem Ende des Weges den Wagen stehen lassen, da man dort ganz „kommod" parken könne. Aber da wir nicht wußten, wo der Weg zu Ende war, fuhren wir an dem kommoden Parkplatz vorbei und parkten etwas weniger gut. Vor allem vor dem Wenden auf engem Weg (Fels auf der einen, Steilhang auf der anderen Seite) hatten Gudrun und ich Angst und stiegen vorsichtshalber aus. Mit Sandalen und Wanderstock kraxelten wir auf schmalem Pfad den Berg hinunter in die Bucht. Die angegebenen 50 m Höhenunterschied erschienen uns wie 100 m. Aber der Abstieg lohnte sich. Klitzekleine Häuser, von denen die meisten wahrscheinlich nur als Wochenend- oder Ferienhäuser gebraucht werden, standen in einer riesigen Höhle. Eine Bucht hatte den Schmugglern ihre Geschäfte erleichtert. Aber die Waren, die sie ergattert hatten, mußten den gleichen Weg nach oben gebracht werden, den wir nach unserer Besichtigung des Ortes auch wieder hochstapfen mußten. Wir kamen dabei ziemlich ins Schwitzen und waren froh , daß wir etwas zum Trinken mitgenommen hatten.
Nach weiterem Kraxeln hatten wir endlich wieder den Parkplatz erreicht und fuhren zu unserem Haus zurück. Wie jedesmal, wenn wir über viele Stunden fortgewesen waren, standen die Katzen, die sich hier zu Hause fühlten, laut miauend zu unserem Empfang bereit und erwarteten Milch und etwas zu fressen. Wir gaben ihnen im Aschenbecher die erbettelte Milch, doch mit dem Essen mußten sie sich noch etwas gedulden. Erst wollten wir noch Canasta spielen. Das Abendessen nahmen wir später wieder auf unserer gemütlichen Terrasse ein. Die um unsere Beine streichenden Katzen fütterten wir mit Käserinde und Schinkenspeckstreifen, die wir sonst im Abfall entsorgt hätten.



Irgendwie sprach sich die gute Verpflegung bei den Katzen der Umgebung herum. Denn an einem Abend standen nicht nur „unsere" rote und die grau-bunte vor der Türe. Eine weitere, etwas kleinere, rote Katze kam bettelnd und miauend angelaufen. Dann war da noch eine schwarze Bestie, die wir jagten und eine riesige weiße Katze, vor der „unsere" Katzen in Panik gerieten und die wir dann auch jagten. An den Abenden flogen die Schwalben, Tauben und Fledermäuse über uns hinweg. An einem dieser Abende sah ich interessiert einem Vogel zu, der von der Bananenplantage in einem für mich ungewohnten Bogen über uns hinwegflog. Kaum hatte ich begonnen, mich darüber zu wundern, sah ich von dem Vogel etwas herunterfallen. Klatsch, machte es und der Vogelkot lag auf meinem Teller. Im weiteren Verlauf unseres Urlaubs sagte Peter jedesmal, wenn mir wieder was passierte, ich hätte das herbeigedacht oder herbeigeredet. Doch so weit war es noch nicht. Ich will der Zeit nicht vorgreifen. Alle fanden es komisch und wir beschlossen den Abend mit einem Feuerchen in der Grillhütte.

Am neunten Tag, einem Mittwoch, packten wir die Badesachen ein. Wir wollten nach Nord/Nordost fahren. Es erwartete uns eine völlig andere Landschaft, als wir sie bisher auf der Insel gesehen hatten und auch die Vegetation war anders. Hier gab es überwiegend natürlichen Bewuchs, eingemauerte Plantagen gab es überhaupt nicht. Kleine Felder, auf denen auch Kartoffeln und Gemüse wuchsen, sowie Kiefernhaine und Lorbeerwälder waren links und rechts der Straße zu sehen.



Das, was überall gleich war, waren die zahlreichen Serpentinen. Dazu gab es auch wieder Tunnels. Unsere Fahrt führte uns nach San Andrés. Dort hatte man eine kleine Meeresbucht so vom offenen Meer abgetrennt (Charco Azul), daß man gefahrlos darin schwimmen konnte. Die Anlage war sehr schön, und vor allem gab es wieder einmal ein Lokal mit einem guten Essen. Bei der Rückfahrt über Brena Baja stellten wir fest, daß wir die Insel umrundet hatten. Wir hatten an diesem Tag viel Schönes gesehen und erlebt. Doch all das war nichts gegen den Sonnenuntergang, den wir vom Mirador El Time aus bewundern konnten. Wir hätten keine fünf Minuten später an diese Stelle kommen dürfen. Wir alle empfanden die Situation wie ein Geschenk des Himmels. Zum ersten Mal, und wie ich heute weiß, auch zum einzigen Mal in unserem Urlaub, konnten wir die Sonne in ihrer glühenden Schönheit ins Meer fallen und erlöschen sehen. Zum ersten Mal war keine Wolkenschicht davor, in der sie sonst versank, bevor sie das Meer erreichte. Beglückt fuhren wir nach La Punta zurück und spielten Canasta.

Am nächsten Tag, unserem zehnten Urlaubstag, fuhren wir an die Playa Nueva, hinter La Bombilla, nördlich von Puerto Naos. Hier gab es den feinsten schwarzen Sandstrand, der im Meer seine Fortsetzung fand. Wir waren begeistert. Die Sonnenschirme hatten wir jedoch vergessen. Also mußten wir improvisieren. Peter hatte irgendwo vergessene Strohliegematten entdeckt. Gemeinsam mit Handtüchern, Gudruns Rock und meinem Tuch fertigten die Männer kunstvoll auf einem fest installierten Metallgestell für uns einen Sonnenschutz. Wir hatten Lesestoff mitgebracht und beobachteten die wenigen Menschen, die den Strand wie wir entdeckt hatten und sich nicht hatten abschrecken lassen von dem slum-ähnlichen Ambiente an der Einfahrt zum Strand. Das Meer war unruhig. Größere und kleinere Wellen rollten an den Strand, zogen sich wieder zurück in ihr Urelement, unterwarfen sich den großen anrollenden Geschwistern und überschlugen sich laut aufbrausend und wild schäumend gemeinsam mit ihnen erneut am Strand. Nach kurzer Zeit der Eingewöhnung gingen wir zum Schwimmen. Eine tiefe Angst ließ mich anhalten, bevor ich hineinging. Aus meinem Innern kamen Ängste aus der Vergangenheit hoch, die mich warnten, hineinzugehen. Die Freunde riefen mir zu, wie schön es wäre. Ich zögerte. Immer wieder flachten die Wellen ab, bauschten sich wieder auf, rollten im Dreier- oder Viererpack heran, flachten wieder ab. Ich wagte es, hatte einen guten Zeitpunkt erwischt, um hineinzugehen. Doch nach wenigen Momenten war es vorbei mit den kleinen Wellen. Eine große Welle rollte heran. Wir mußten uns ziemlich nach oben strampeln. Doch es nützte nichts, die Welle überschlug uns. Das Wellental war tief, und doch bekam ich keinen Grund zu spüren, und noch ehe ich mich versah, kam der nächste Wellenberg und überschlug mich. Und das ganze noch ein drittes Mal. Ich japste nach Luft und machte, daß ich aus dem Wasser kam. Ich hatte Wasser geschluckt und eine Nasenspülung mit Salzwasser hinter mir. Das reichte. Sowie ich draußen war, erreichten die Wellen wieder ihre normale Höhe. Peters Kommentar: das hast du herbeigedacht. Gudrun nannte solche Wellen von da an „Brigitta-Wellen".

In einem kleinen Strandrestaurant aßen wir zu Mittag. Einfach superb. Die verschiedensten Fische und Meeresfrüchte, kombiniert mit Salat und mojo rojo (rote Sosse) oder mojo verde (grüne Sosse), Brot und papas arrugadas (Schrumpelkartoffeln). Und dazu einen guten vino de la casa. Besonders hatten es uns kleine, sprottenähnliche Fischchen angetan, die nur in Mehl gewälzt und frittiert waren. Gueldes hießen sie (sprich: geldes).
Soviel Gutes an einem Tag! Wir fuhren zum Haus zurück und gönnten uns noch eine Entsalzung im Pool (hier waren auch für mich die Wellen erträglich). Wir stießen auf den herrlichen Tag mit Sekt an. Zum Abendessen wollten wir in ein Lokal in Puerto de Tazacorte. Wieder einmal mußten wir die vielen Serpentinen nach unten fahren. Ein Mauerstück von der Begrenzungsmauer war herausgebrochen und Schaulustige standen an der Seite. Von unten schauten wir nach oben und sahen einen Wagen am Abhang liegen. Beim Fall hatte er einen Stützpfeiler des Betonrohres, in dem die Leitungen sind, mitgerissen. Wahrscheinlich war es dem Pfeiler zu verdanken, daß der LKW in der Schräge zum Stillstand gekommen war und nicht bis ins Tal purzelte. Später hörten wir, daß der Fahrer schwerverletzt im Krankenhaus liege. Doch das sollte uns gerade heute den Appetit nicht verderben. Zu unserem Pech hatte das von uns ausgeguckte Lokal aber ausgerechnet donnerstags Ruhetag. Künstlerpech! Wir entschlossen uns zu einer Fahrt nach Los Llanos. Gudrun hatte wie immer den Reiseführer parat und suchte ein Restaurant heraus. Wir stellten das Auto ab und suchten und suchten. Der Hunger wuchs und wir fanden einfach überhaupt kein Lokal. Der Hunger ließ uns vor lauter Bäumen den Wald nicht erkennen. Ähnlich wie in Garafía sahen wir es dann doch, unser ausgegucktes Restaurant. Wir wurden freundlich bedient und das Essen war super.

„Zu Hause"angekommen nahmen wir noch einen Abschlußtrunk und sanken total müde in die Betten. Aber an Schlaf war nicht zu denken.



Die Zimmer waren nicht genügend gelüftet worden und die Luft war heiß und stickig. Stechfliegen machten das Leben zur Qual und wir rieben uns von oben bis unten mit einem Mittel ein, das den Mücken die Lust auf Menschenfleisch verderben sollte. Die Luft im Zimmer wurde dadurch aber nicht gerade besser.
Nach einer unruhigen Nacht waren wir am elften Tag nach dem Frühstück ziemlich lustlos. Um 10.35 h waren wir noch immer am Haus, lasen, feilten die Fingernägel, saßen so rum und guckten in die Landkarte. Werner schlug vor, nach Los Llanos zu fahren, um die Markthalle anzusehen. Bisher hatten wir die Stadt nur durchfahren oder waren auf der Suche nach einem gescheiten Restaurant mit ziemlichem Tempo durchgelaufen. Jetzt schauten wir ein bißchen genauer hin und fanden sehr attraktive Stellen. Die Markthalle war nicht sehr groß, aber das Angebot war gut. Aber anstatt die nötigen Lebensmittel und Getränke zu kaufen, deckten wir uns lediglich mit einer Flasche Wein und getrockneten Gewürzkräutern ein und staunten über den günstigen Preis von Safran. Dann verließen wir die Markthalle. Vor der Türe stand ein junges Mädchen mit verfilzten Haaren und spielte Flöte. Der Inhalt eines Hutes auf dem Boden sollte wohl den Lebensunterhalt sicherstellen. Die Melodie, die sie spielte, war eigenartig und fremd, aber sie rührte an. Wir schlenderten die Straße entlang und auf einmal verstärkten sich die Flötenklänge wieder, die gleiche fremdartige Melodie drang wieder in unsere Ohren. Auf der anderen Straßenseite stand ein junger Mann mit gleichermaßen verfilzten Haaren und spielte Flöte. Und auch vor ihm stand der Hut, dessen Inhalt wir auf die Entfernung nicht sehen konnten.

Die Lustlosigkeit des Morgens und das Nichterkennen von Notwendigkeiten (siehe Einkäufe in der Markthalle) hatte ihre Nachwirkungen. Nichts war richtig abgesprochen worden, und niemand hatte seine Wünsche deutlich genug gemacht. Aus dem so langsam angelaufenen Tag und einem gemütlichen Stadtbummel sollte auf einmal ein Wandertag werden. Damit wir für eine Wanderung jederzeit gerüstet waren, hatten wir im großen Kofferraum des Autos die Wanderschuhe, die Stöcke und Sonnenhüte meistens drin. Das war eine gute Voraussetzung. Aber es war nicht die einzige Voraussetzung, damit man wandern kann. Wir fuhren zum Refugio El Pilar, einem mitten im Wald liegenden Picknickplatz. Von dort ging der Weg steil hinauf in das vulkanische Gebirge. Es war eiskalt in der Höhe, Nebel hing in den Kiefern und wir zogen uns die Regenjacken an. Doch uns wurde es schnell warm. Der Anstieg erwärmte uns und die Sonne brach durch. Wir bekamen Durst und stellten fest, daß wir entgegen der sonst üblichen Praktik nur eine einzige Thermoflasche mitgenommen hatten (für vier Personen), und auch nur die kleine anstatt der Literflasche. Auf nicht einmal halbem Weg zum Vulkan war unser Vorrat bereits aufgebraucht, und nur noch die neugekaufte Flasche Wein in Peters Rucksack war übrig. Der Weg, der längst zum Trampelpfad geschrumpft war, verlor nach oben beinahe seine Konturen, da nur noch ein Schlackenfeld zu sehen war. Wir ließen die Vernunft walten und kehrten um, um den Tag mit Schwimmen im Pool zu beenden.




Auf der Heimfahrt kamen wir wieder an der Stelle vorbei, an der zuvor der LKW abgestürzt war. Von den Schaulustigen war ein rot-weißes Band, das dort gespannt worden war, um eine Gefahrenstelle zu signalisieren, herunter gerissen worden. Oberhalb des Mirador El Time machte sich ein riesiger Kranwagen bereit, nach unten zu fahren und den Schrott-LKW zu bergen. Stundenlang war die einzige Verbindungsstraße zwischen Nord und Süd auf der Westseite der Insel gesperrt und wir waren froh, gerade noch rechtzeitig nach Hause gefahren zu sein.

Samstag, unser zwölfter Tag. Uns zog es wieder an den herrlichen Strand Playa Nueva bei La Bombilla. Bei mir stieg sofort die Panik hoch, wenn ich die Wellen sah und verzichtete auf das Schwimmen im Meer, während alle anderen das Wasser genossen. Das Strandrestaurant wurde wieder zum Mittagessen angelaufen und wieder waren wir begeistert. Wir hatten außer den uns inzwischen bekannten Fischen den Papageienfisch bestellt, bei dem schon die Haut abgezogen ist, wenn er serviert ist. Aber so etwas Besonderes war er nicht. Zur Siesta fuhren wir wieder zum Haus zurück, schwammen und ruhten uns aus, weil wir um 18.00 h in die Messe in La Punta gehen wollten. Die Kirche glich einer Scheune mit Gardinen vor den Fenstern und schien auch Gemeindehaus zu sein. Die Sakristei war eine Art Wandschrank rechts vom Altar. Anstelle einer Orgel gab es Musik vom Band und die Gottesdienstbesucher waren, ohne uns Touristen, zu 98% weiblich. Eine spanische Messe ist normalerweise für Mitteleuropäer faszinierend durch ihre Buntheit und Lebendigkeit. Doch hier in der einfachen Kirche entstand für mich ein völlig anderer Eindruck.

Der dreizehnte Tag, wieder ein Sonntag. Diesmal wußten wir, daß der Bäcker nicht kommen würde und hatten vorgesorgt. Und Ausschlafen war angesagt. Ein Sonntag im Bett, lalala. Doch nicht so ganz. Aber wir genossen den Tag im Ferienhaus, im und am Pool, spielten Karten. Während der Hahn des Nachbarn unter uns im Hang sein eigenartiges Kökörökö ertönen ließ, lagen Werner und Peter auf ihren Betten und schliefen, Gudrun las „Das Geisterhaus" von Isabell Allende. Seit wenigen Tagen hatte sich das Wetter geändert. Obwohl es erst Ende August war, war die Luft morgens und abends merklich kühler als zuvor, und wenn der Wind von Meer kam, konnte es im Schatten recht kalt werden. Der Landwind war noch immer schön warm und streichelte uns. Wir hatten nicht genug Wein gekauft, und Werner fuhr mit Peter zum Mirador El Time, um „Alk" zu besorgen, bevor wir auf dem Trockenen saßen. Dabei konnten sie wieder das Schauspiel an dem Gebirgszug beobachten, als sich die weißen Passatwolken wie ein Wasserfall über den Grat ins Tal ergossen. Die Sicht über dem Meer war diesig und wir erwarteten wieder keinen schönen Sonnenuntergang.



Am Abend wollten wir nun endlich in das Restaurant nach Puerto Tazacorte fahren, das donnerstags geschlossen hatte. Die Zeit drängte, mußten wir doch am Abend des 28. unsere Koffer packen, denn am 29. August war der Rückflug. Wir fuhren also frühzeitig ins Tal, weil wir gelesen hatten, daß es sich empfehlen würde, einen Tisch zu reservieren, und wir das nicht gemacht hatten. Nun hatten wir die Möglichkeit, einen uns genehmen Tisch auszuwählen, und wir suchten uns einen aus, von dem aus man das ganze Lokal überblicken konnte. Die Tische war sauber, die Kellner ordentlich gekleidet, das bis dahin anwesende Publikum gemischt. Doch so nach und nach strömten immer mehr Deutsche herein. Wir bestellten vino de la casa und hatten noch nie so schlechten Wein auf der Insel getrunken. Enttäuscht bestellten wir uns einen Flaschenwein, der jedoch mit der Qualität der von uns bis dahin getrunkenen Weine nicht mithalten konnte. Mit dem Essen war auch nur die Hälfte unserer kleinen Gesellschaft zufrieden. Schade eigentlich. Hier wurde ein Lokal auf Teufel komm raus auf die äußerlichen Bedürfnisse deutscher Touristen abgestellt, aber wir stellten einmütig fest, daß uns die einfachen Buden am Strand lieber waren. Das gepflegte Drumherum erschien uns wie eine Theaterkulisse, in dem die anderen Gäste die Darsteller waren und wir von unserem Logenplatz die Szene beobachten konnten. Enttäuscht fuhren wir in unser Domizil zurück.

Montag, unser 14. Urlaubstag auf La Palma. Die Playa Nueva hatte es uns wirklich angetan, und wir wollten am letzten richtigen Urlaubstag auf der Isla Bonita noch einmal Meer und Strand genießen. Die Wellen hatten mit mir ein Erbarmen und es machte sogar mir viel Spaß, im salzigen Element zu schwimmen. Doch das Wasser war kühler, als in den Tagen zuvor, und wir hielten es nicht mehr so lange darin aus. Das machte uns aber nichts. Die Sonne schien heiß und wir verzogen uns in den Schatten der von uns mitgebrachten Sonnenschirme. So konnten wir es eine Zeitlang aushalten. In unserer Vorstellung vom Mittagessen hatten wir schon in „Gueldes" geschwelgt; doch unser Lokal hatte leider geschlossen. Deshalb fuhren wir nach El Remo. Die Bedienung schien uns wieder zu erkennen und wir aßen fürstlich: Krabben in Knoblauchöl, Tintenfischringe gebacken (aber nicht wie die Gummiringe, die es manchmal bei uns in Deutschland gibt), Fischfilet mit Koblauchöl überbacken, Pommes frites (leider kein Vergleich mit den selbstgeschnittenen und gebackenen an der Playa Nueva), papas arrugadas (Schrumpelkartoffeln), Sardinen in Essig- und Ölsosse. Es war einfach alles köstlich. Dazu tranken wir den guten Wein aus Fuencaliente, also vom Süden der Insel, den Teguía.
Nach einem guten Mahl soll man ruhen. Und das taten wir dann auch. Wir machten zu Hause Siesta und saßen abends noch bei unseren Lebensmittelresten und dem neugekauften Wein zusammen. Es war unser Abschied von La Palma. Dann kam unser Patron zu Gast. Wir boten ihm von unserem Teguía an und er war begeistert, daß wir den Inselwein tranken und keinen vom Festland. Dann erzählte er uns, daß dies das Haus seiner Eltern gewesen sei, sie alle darin gewohnt hätten und er hier aufgewachsen sei. Es wäre früher ein Bauernhaus gewesen, zu dem viele Tiere gehört hätten. Um uns zu verdeutlichen, welche Tiere es waren, grunzte und meckerte und blökte er. Er schilderte mit Händen und Füßen weiter, daß er mit vier Jahren heimlich die Ziege gemolken und die Milch getrunken hatte. Er verabschiedete sich von uns, nicht ohne uns zu bitten, Reklame zu machen für seine Ferienwohnungen. Für uns war es Zeit, Koffer zu packen und die Wohnung zu reinigen. Da wir am nächsten Morgen früher aufstehen mußten, sollte alles vorbereitet sein.

Der 15. Tag hatte begonnen. Der Wecker stand auf 7.45 h Ortszeit. Um 12.25 h sollte laut Reisebüro auf La Palma der Rückflug ab Santa Cruz sein. Wir waren rechtzeitig auf den Beinen, frühstückten noch eine Kleinigkeit, spülten das Geschirr ab, stellten die Vorräte, die wir nicht mitnehmen wollten, auf den Küchenschrank und schrieben einen Zettel für unsere Nachmieter dazu, die laut unserem Patron am Nachmittag bereits eintreffen würden. Eigentlich hatten wir unsere Koffer bereits zu. Aber Werner begann plötzlich wie wild umzupacken, warf die Schmutzwäsche wieder raus. Dabei fluchte er wie ein Pferdekutscher. (Wir vermuteten, es war der Abschiedsschmerz!) Nachdem er sich wieder etwas abgeregt hatte, packten wir mit vereinten Kräften die Koffer neu und plötzlich paßte alles rein, was rein mußte. Aber es hätte wahrscheinlich keine Stubenfliege mehr Platz darin gefunden. Ich nahm mir vor, mir für den nächsten Urlaub einen größeren Koffer zu kaufen.
Und auf ging's. Die Strecke kannten wir ja nun schon, und wir kamen rechtzeitig auf dem Flughafen an. Als wir die Koffer aufgeben wollten, stand eine neue Abflugzeit auf der Anzeigetafel: 12.45 h. Wir waren etwas erstaunt, fragten aber nicht nach. Und dann ging der Flug schon um 12.15 h. Umso besser. Der Flug war ruhig und wir kamen früher als erwartet in Düsseldorf an. Als wir unsere Koffer wieder in Empfang genommen hatten, gingen wir zum Meeting-Point, um den Fahrer vom Transfertaxi zu treffen. Hinter mir vernahm ich plötzlich eine weibliche Stimme, die sagte, sie müsse uns bitten, noch etwas zu warten, sie habe seit dem Morgen nichts mehr gegessen und müsse unbedingt erst mal was zu sich nehmen. Ich drehte mich um und sah eine kleine, genervte Frau mit einem Tablett, auf dem ein Kaffeebecher und ein Teller mit irgendwas Eßbarem stand. Wir signalisierten, daß wir gerne noch warten würden und wenige Augenblicke später war sie schon wieder zurück. Die A 3 sei zu, sagte sie uns, da ginge nichts mehr. Mehrere LKW seien zusammengestoßen, es hätte drei Tote gegeben und es würde Stunden dauern, bis die ineinander verkeilten Fahrzeuge von der Autobahn geräumt seien. Wir müßten uns auf eine längere Fahrzeit einstellen. Werner und Peter machten ihr den Vorschlag, doch einfach auf die andere Rheinseite zu fahren. Dann würden wir doch dem Stau entgehen. Weil sie sich in Düsseldorf und mit dem Hinkommen auf die andere Rheinseite nicht auskannte, halfen wir ihr mit Ausschau halten nach Schildern. Und dann waren wir endlich auf der richtigen Autobahnauffahrt. Sie fuhr mit einer ziemlichen Geschwindigkeit, die für unser Gefühl auf jeden Fall zu schnell war. Dabei lenkte die Frau sich andauernd mit dem Auffinden von Radiosendern ab, um den Verkehrsfunk zu hören, aß zwischendurch ein Twix, telefonierte mit ihrem Chef, und das alles bei Geschwindigkeiten zwischen 150 - 170 km/h. Wir waren auf jeden Fall alle heilfroh, als wir unser Zuhause gesund erreicht hatten.
Fazit unseres La Palma Urlaubs war: wir haben zwar unser Ziel nicht erreicht, wenn man bedenkt, daß es ein Wanderurlaub hätte sein sollen. Aber wir haben uns nicht nur prächtig erholt, wir haben uns auch durch die Delikatessen der Isla Bonita hindurchgegessen und die Weine der Insel probiert, die vorzüglich sind und keinesfalls klebrig süß, wie uns die Reiseführer uns das vorher weismachen wollten. Durch die gebirgige Landschaft und die dadurch erschwerte Möglichkeit, auf schnellem Wege von Ost nach West oder von Süd nach Nord zu kommen, verbraucht man viel Zeit. Aber es lohnt sich, die Schönheit der Landschaft anzusehen, und da ist es egal, wie lange man braucht, an sein Ziel zu kommen. Vielleicht sollte auch in einem solchen Falle der Weg das Ziel sein. Und wenn jemand jetzt Blut geleckt hat, dann kann ich nur sagen: viel Spaß auf La Palma.

Home