Wenn einer eine Reise tut .....

Uns war schon immer bewußt, daß man auf Reisen etwas anderes sieht und hört als sonst, daß das Leben ganz anders verläuft und daß Unbekannte in kürzester Zeit zu Freunden werden können. Unser Urlaub 1999 fing aber bereits anders an, als wir es gewohnt waren. Die Vorfreude begann im März. Wir wollten nach Griechenland reisen und uns die Stätten der griechischen Mythologie ansehen, und wir dachten, daß uns anschließend eine Woche Entspannung am warmen Meer gut tun würde. Also buchten wir das Gewünschte. Bücher wurden gewälzt, um längst verschüttetes Wissen wieder an die Oberfläche zu holen. Die griechische Schrift ließ uns bald verzagen, sie zu erlernen, und wir begnügten uns mit dem Einprägen der Großbuchstaben. Die Freude, an Orte zu kommen, wo schon vor tausenden von Jahren Menschen gelebt hatten, die so herrliche Bauten wie die Akropolis erbaut hatten, ließ uns die Zeit bis zum September sehr lang erscheinen. Und dann begann im Kosovo ein Krieg. Serben gegen Kosovo-Albaner. Die Amerikaner beschlossen, daß die Nato eingreifen müsse und die Situation spitzte sich über viele Wochen lang zu. Die armen Kosovo-Albaner, zum größten Teil Moslems, flüchteten in die umliegenden Staaten Mazedonien und Albanien. Dabei wurde die Ernährung der Menschen dort immer schwieriger und Albanien war kurz davor, in den Krieg auf seine Weise einzugreifen. Mir sank der Mut, nach Korfu zu fliegen, das an der engsten Stelle nur zwei Kilometer von der albanischen Küste entfernt liegt. Urlauber, die in dieser Zeit Richtung Griechenland, Türkei oder Israel fliegen wollten, mußten riesige Umwege fliegen, damit sie den Nato-Flugzeugen nicht in die Quere kamen. Während ich am liebsten den Urlaub abgesagt hätte, blieb Werner positiv gestimmt und meinte, bis wir fliegen würden, hätte sich die Lage wieder beruhigt.

Und er hatte Gott sei Dank recht. Der Krieg kam zum Stillstand, mit viel Mühe wurde das Land ruhiggestellt. Der Friede war zwar noch fern, würde es für lange Zeit vielleicht auch noch bleiben, aber die Ausrottung einer Volksgruppe hörte endlich auf, und die Menschen in ganz Europa atmeten auf. Dann träumte ich, wir würden eine Wasserlandung machen. Ich sah nur Meer und das Wasser spritzte hoch auf. Das Bild aus meinem Traum stand bei jedem Gedanken an den Griechenlandurlaub vor meinen Augen und trübte die Vorfreude sehr. Sollte das nicht doch eine Warnung sein? Der September kam, die Vorbereitungen begannen. Ich stellte fest, daß ich noch ein Paar gute Turnschuhe mit Gel-Sohle und Gelenkstütze gebrauchen könnte, um über historische Steine zu gehen. Also ging ich zum Einkaufen los, sagte dem Verkäufer, daß ich gute Schuhe brauche, um auf Trümmern herumzulaufen. Er sah mich etwas merkwürdig an. Ich korrigierte mich, daß ich natürlich die antiken Trümmer in Griechenland meine, wohin wir schon bald fahren würden. Die Schuhe, die er mir nach vielen Anproben und Umtauschen verkaufte, waren noch nicht einmal eingelaufen, als in Athen die Erde mit der Stärke 6 auf der Richterskala bebte. Viele Häuser fielen in sich zusammen und begruben die Menschen unter sich. So hatte ich mir das mit dem Laufen über Trümmer wirklich nicht vorgestellt. Was sollte denn noch alles passieren? Meine Angst wuchs wieder. War das das dritte Zeichen, das mich warnen sollte? Nach Athen bebte die Erde in Japan, dann in Südamerika, und ich hoffte, daß sich die Spannung in der Erdkruste allmählich im Meer auflösen würde, wo sie keinen Schaden mehr anrichten könnte.

Am 18. September wurden wir um 1.30 Uhr in der Nacht von einem Shuttle-Taxi zu Hause abgeholt und zum Flughafen Frankfurt/Main gebracht. Die Fahrt war gut und als die Koffer aufgegeben waren, begann für mich der Urlaub. Wir tranken noch eine Kleinigkeit, schauten uns in dem fürchterlich riesigen Flughafen um. Dann wurden wir zu einem Gate gebeten und gingen über eine Zubringerbrücke ins Flugzeug. Wir hatten einen Fenster- und einen Mittelplatz über der Tragfläche und direkt hinter der Notausstiegstüre erwischt. Als die Abflugszeit gekommen war, rief der Kapitän den Namen einer Dame auf. Als diese sich nicht meldete, also auch nicht an Bord war, mußte der Koffer aus dem Gepäckraum herausgesucht werden, weil aus Sicherheitsgründen kein Gepäckstück ohne die dazugehörige Person befördert werden darf. Nach mehr als einer Dreiviertelstunde konnten wir endlich starten. Der Flug war gut. Je weiter wir nach Südosten flogen, desto mehr morgenrötete sich der Himmel. Wir flogen über Süddeutschland, Österreich, Slowenien, Kroatien, machten dann einen Schlenker über die Adria nach Italien und flogen über Brindisi (Süditalien) in Richtung Korfu, unserem Zielflughafen. Der Kapitän meldete sich wieder und berichtete, daß wir durch die Verspätung in Frankfurt in eine Warteschleife kommen würden, ca. 4 Flugzeuge wären vor uns und außerdem würde in Korfu gerade ein starker Gewitterregen niedergehen, so daß sich unsere Ankuft etwas verzögern würde. Schon vom Beginn der Rundendreherei an durfte ich nicht mehr zur Toilette und wartete sehnlichst auf die Möglichkeit, austreten zu können. Aber die Stewardess ließ es nicht mehr zu, weil ja jederzeit der Landeanflug beginnen könne. Wir flogen also mehrere Runden bis Brindisi und wieder zurück, in immer tieferen Ebenen, und endlich konnten wir landen. Die Landebahn in Korfu erstreckt sich über eine Art Halbinsel. Rechts und links sieht man nur Wasser. Außerdem spritzte das auf der Landebahn stehende Regenwasser beim Aufsetzen der Maschine meterhoch. Ich saß auf dem mittleren Sitz und sah nur noch Wasser. Das war genau das Bild, daß ich geträumt hatte. Aber jetzt war ich beruhigt, wußte ich doch, daß wir auf der Erde waren, es sei denn, der Flieger würde nicht genügend bremsen können und einfach weiterrutschen. Nun begann die Warterei auf die Koffer. Nach etwas mehr als eineinhalb Stunden kamen die Koffer auf dem Band endlich angerollt. Draußen standen eine Menge großer Busse und wir suchten die Nummer 10. Er sollte uns zum Hafen bringen, damit wir mit der Fähre nach Igomenitsa auf das Festland übersetzen könnten. Die Wassermassen ergossen sich noch immer unter tosendem Donner und grellen Blitzen auf die Erde, und ein grauer Wasserfilm verhinderte eine klare Sicht auf die Busnummern. Endlich hatten wir als vorletzte Gäste den Bus erreicht, und der Fahrer erkundigte sich nun, in welches Hotel wir müßten. Er stieß einen Fluch aus, als er hörte, daß wir die Fähre um 11.00 Uhr bekommen müßten. Nachdem die letzten Mitfahrenden, ein älteres Paar, eingestiegen waren, fuhren wir endlich aus dem Flughafengelände los in Richtung Hafen. Es war vielleicht 2 Minuten vor 11.00 Uhr. Und die Fahrt dauerte und dauerte. Als wir irgendwelche Schiffe in einem Hafen sahen, glaubten wir uns schon am Ziel. Aber es war der alte Hafen. Hier lagen die schönen weißen Riesenpötte, die nach Italien oder sonstwohin fuhren.

Der Fahrer trat aufs Gaspedal und hielt quietschend vor einem Kartenhäuschen. Dort bat er wohl, daß man zur Fähre durchgab, daß noch Passagiere kämen. Er sprang wieder ins Fahrzeug und bretterte erneut los. Vor einem nicht besonders vertrauenserweckenden schwimmenden Etwas hielt er an. Bei strömendem Regen drückte er uns unsere Koffer in die Hand und schickte uns los. So hatte ich mir Korfu eigentlich nicht vorgestellt. Jetzt kamen wir hierher, um den Sommer zu verlängern und dann das. Die Überfahrt sollte ca. 1 1/2 Stunde dauern. Der Himmel goß noch immer Wassermassen aus. Wir suchten uns eine geschützte Ecke. Ringsherum war alles Grau in Grau. Uns gegenüber hatte das ältere Paar Platz genommen. Ich bewunderte den Unternehmungsgeist der Leute. Auf der Bank, auf der wir saßen, saßen auch zwei chinesische Paare.

Als wir in Igomenitsa einliefen, warteten bereits zwei Busse auf die verspätet eintreffenden Gäste. Unser Reiseleiter Elias begrüßte uns an einem der beiden wartenden Busse. Das ältere Paar und die Chinesen hatten bereits ihre Plätze eingenommen. Und dann ging es los. Wir erwarteten ein gutes Hotel, in dem wir nach der strapazisiösen Nacht endlich ein Bett finden sollten. Anstelle des laut Reisebeschreibung vorgesehenen Hotels „Jolly”, an dem wir vorbeifuhren und das uns sehr gut gefiel, landeten wir auf einer Baustelle. Das Hotel hieß „El Greco”. Entsetzt zogen wir unsere Koffer zur Rezeption, die aus einem gehobelten Brett zu bestehen schien, das zum Betrachter hin mit Packpapier verkleidet war. Über den puren Zementboden war ein Kabel verlegt und damit man nicht darüber stolperte, war ein Klebeband darübergeklebt. Die Schlüssel wurden verteilt und ca. 40 Menschen stapelten sich vor dem einzigen Fahrstuhl. Wenn wir nun gedacht hatten, den Baustellenbereich verlassen zu haben, wenn wir in die oberen Bereiche entschwebt waren, sahen wir uns schnell getäuscht. Offensichtlich war jedes Stockwerk marode und mußte renoviert werden und so arbeitete man in jedem Stockwerk. Aber das Zimmer war zumindest sauber.

Der Gewitterregen hatte aufgehört, die Wolken waren wie auf ein Zauberwort verschwun- den. Die Sonne beschien den Ort. Jetzt war nur noch leichte Kleidung angesagt. Wir machten uns ausgehfein und trafen auf andere Mitreisende, die sich auf den gleichen Weg gemacht hatten, um das Abendessen in einer Taverne außerhalb des Hotelbereichs einzunehmen. Das Essen entsprach nicht unseren Erwartungen von griechischem Essen. Aber das Paar, das das Zimmer neben uns hatte, war sehr nett und so saßen wir noch eine kurze Zeit bei einem guten Rotwein auf der Hotelterrasse. Ich war eigentlich schon vorgewarnt gewesen, was Stechmücken anbetraf. Aber das, was diese Viecher mit meinen strumpflosen Füßen machten, die unter einer langen Hose herausschauten und in Sandalen steckten, hätte ich nie vermutet. Es müssen mindestens hundert Einstiche gewesen sein, die am nächsten Tag anschwollen und dermaßen juckten, daß ich es fast nicht aushalten konnte. Die Gegenmittel halfen nur wenig und es blieb mir nur noch eines - kratzen. In der dritten Nacht wurde es am schlimmsten. Aber ich bin meiner Zeit schon voraus. Noch waren wir in Igomenitsa.

Mit gemischten Gefühlen begaben wir uns am anderen Morgen ans Frühstücksbüffet, das durchaus unseren Erwartungen von einem südeuropäischen Frühstück entsprach. Es war karg. Der Bus, der unser Vehikel für die nächste Woche sein sollte, kam pünktlich an und wir begannen die Besichtigung des antiken Griechenlands mit einer Fahrt nach Dodona oder Dodoni, da sind sich die Griechen nicht so ganz einig. Wir besichtigten dort das Amphitheater aus dem 3. Jh. v. Chr., das Stadion, die Akropolis und das Zeusorakel, das in der damaligen Zeit so berühmt war wie Delphi. Und die Fahrt ging weiter über Ioannina und Metsovon nach Kalambaka. Gebirgsmassen stapelten sich nach allen Seiten, die Straße wand sich in tausenden von Serpentinen mal nach unten, mal nach oben, immer an den Flanken der hohen Berge entlang. Zum Mittagessen in Kalambaka wurden wir vom Reiseleiter in ein ziemlich teures Lokal geführt, und wir hielten das Ganze für einen unverschämten Nepp. Nach der Pause fuhren wir weiter zu den oberhalb des Ortes liegenden Meteora-Klöstern. Schon auf der Herfahrt waren wir von den Felsformationen völlig begeistert gewesen. Nun fuhren wir mitten hinein in die seltsame Landschaft, in der auf beinahe jedem Felsfinger ein Klostergebäude zu kleben schien. In manchen Felsen waren riesige Höhlen, in denen früher Eremiten gelebt hatten. Wir besichtigten jeweils ein Männer- und ein Frauenkloster. Um die byzantinischen Kirchen mit den zum Teil gut erhaltenen Fresken ansehen zu dürfen, mußten die Frauen über die Knie reichende Röcke und schulterbedeckende Kleidung tragen, die Männer lange Hosen. Aber es lohnte sich. Die in Kreuzform angelegten Kirchen und Kapellen hatten alle mit kunstvoll geschnitzten Holzgittern verdeckte Altarräume. Zu beiden Seiten waren Ikonen. Eine große Schale mit Sand war rechts vom Eingang, in den man dünne Wachskerzen stellen konnte. Der gesamte Kirchenraum strahlte eine ungeheure Ruhe aus, und trotz der vielen Besucher, die von Reiseleitern über die Geschichte der Gebäude informiert wurden, behielten die Räume ihre ganz eigene Ausstrahlung, die Andacht und Gebet nahelegten.

Wir übernachteten im Hotel Xenos in Kalambaka. Es war zumindest um einiges besser, als das Hotel in Igomenitsa, und die Übernachtung war ruhig.

Nach dem Frühstück am nächsten Morgen freute ich mich auf Delphi. Kaum etwas aus der griechischen Mythologie war mir aus der Schulzeit so im Gedächtnis geblieben wie die Sage um Pythia, die Priesterin, die auf dem dreibeinigen Stuhl gesessen und Dämpfe aus der Erde eingeatmet hatte, um auf Fragen von Menschen der damaligen ganzen Welt unzusammenhängende Worte zu stammeln, die von den Priestern dann in zusammenhängende und möglichst unverbindliche Sätze gefaßt worden waren. Der Reiseleiter erzählte dann die Geschichte von Krösus, der auf seine Frage, ob er siegen würde, die Antwort falsch interpretiert hatte und durch seinen Angriff nicht ein anderes, sondern sein eigenes großes Reich zerstört hatte.

Delphi, ein Traum mitten im Gebirge. Die weißen Säulen des Tholos auf der unteren Ebene strahlten in junger Schönheit. Dann stiegen wir den Berg hinauf, betrachteten das Schatzhaus der Athener, bewunderten das Theater, das Stadion mit seinen Starthäuschen, der Tribüne mit den Steinbänken, manche sogar mit Rückenlehnen aus Stein, auf denen die damalige Prominenz und die Richter gesessen hatten. Zwischen zwei großen Felsbrocken mußte die Kastaliaquelle sein, von der wir jedoch leider nicht viel sahen. Bei einem Gang durch das neue, funktionale Museum bewunderten wir die berühmte Statue des Wagenlenkers aus Bronze, der uns sehr beeindruckte. Den „Omphalos”, den Nabelstein, der aussah wie ein Ei, fanden wir sehr interessant.

Nahe der antiken Stätte befindet sich seit Urzeiten der Bergort Delphi (früher allerdings unter anderem Namen). Dort übernachteten wir in einem niedlichen Hotel mit ziemlichem Straßenlärm. Einige Häuser daneben gab es eine Taverne für Einheimische, in der wir für die nötige Bettschwere sorgten und einen guten, preiswerten Rotwein tranken.

Für einen Urlaub waren unsere Zubettgeh- und Aufstehzeiten recht früh. Die Abende im gemütlichen Beisammensitzen mit anderen Mitreisenden endeten meistens gegen 22.00 Uhr. Morgens wurden wir zwischen 6.00 Uhr und 7.00 Uhr geweckt.

Am nächsten Tag ging die Fahrt weiter nach Athen. Bei einer kurzen Stadtrundfahrt sahen wir eine im byzantinischen Stil erbaute Kirche, einen neoklassizistischen Bau, das Schloß, in dem König Konstantin mit seiner Gemahlin Anne-Marie früher einmal gewohnt hatte und das Stadion, in dem die 1. olympischen Spiele der Neuzeit stattgefunden hatten. Für unseren Geschmack wurde etwas zu wenig von der Stadt gezeigt (vielleicht, weil die Stadt mit Fahrzeugen vollgestopft war). Der Höhepunkt war jedoch die Akropolis. Unser Reiseleiter Elias erzählte die Geschichte der Anlage. Bei einem Streit der Göttin Athene mit Poseidon, wem die Stadt gehören sollte, siegte Athene über den hitzigen Poseidon. Und so wurde die Stadt, die dem Tempelberg zu Füßen liegt, endgültig ihr geweiht. Wir waren begeistert von den alten Baumeistern, die solche Kunstwerke geschaffen hatten, staunten über die Propyläen, den prachtvollen Eingang zur Anlage, den Niketempel, das Erechtheion mit seinen ionischen Säulen und den Frauengestalten, die das Dach tragen. Aber einmalig schön empfanden wir den Parthenon, dem herrlichsten Gebäude der griechischen Baukunst. Die Schönheit seiner Säulen, die sich nach oben verjüngen und den Bau trotz seiner Größe leicht erscheinen lassen, ließen uns vor lauter Staunen die Zeit vergessen. An manchen Bauwerken sahen wir am Dach Noppen wie bei Legosteinen. Man erklärte uns, daß bei den Steinbauwerken die Nägel im Holz der Holzhäuser imitiert wurden, und außerdem dienten die Noppen der Stabilisierung. Auf einem Nachbarhügel hatte vor beinahe 2000 Jahren der Apostel Paulus seiner Gemeinde gepredigt. Es war einfach ein wahnsinniges Gefühl, dort oben zu stehen, die Stadt unter sich zu sehen und bis nach Piräus, dem Hafen Athens, schauen zu können.

Gerade, als ich in Hochstimmung fotografieren wollte, versagte der Apparat. Das war der zweite Defekt innerhalb zweier Tage. Einen Tag zuvor hatte die Feder meines Halskettenverschlusses den Geist aufgegeben. Aber das hier war ärgerlicher. Nachdem wir in unserem Hotel „Ilios” abgestiegen waren, das nicht weit von der Altstadt entfernt war, machten wir uns gleich auf, und kauften einen einfachen Fotoapparat, damit wir wenigstens auf der weiteren Reise wieder knipsen könnten. Abends genossen wir noch die Atmosphäre der Altstadt, die unter der illuminierten Kulisse der Akropolis lag.

Auf unserem Weg durch die Gassen lagen Schmuckgeschäfte aufgereiht wie die Perlen auf einer Schnur. Ein rühriger Geschäftsmann, der nicht nur deutsch beherrschte, sondern auch Freunde mit Jacht am Starnberger See hatte, lockte uns ins Innere des geschmackvoll eingerichteten, fast schon mondänen Ladens und nach einigem Widerstand gingen wir hinein. Er wollte mir, da mein Hals nicht geschmückt war, eine schöne Kette verkaufen. Ich versuchte, mich zu wehren, aber der Wunsch, eine im Mäandermuster gearbeitete Kette zu haben, war doch größer, und mein angetrauter Widerspruch hielt mich nicht davon ab. Nun hieß es für mich, zu handeln. Der geschäftstüchtige Besitzer des mit Marmorboden verschönten Ladens bot mir vieles an, sagte aber keinen Preis. Erst als ich ihm sagte, daß für mich ohne Preisangabe die ganze Angelegenheit uninteressant wäre und ich auch sofort gehen könne, da ich eigentlich nichts kaufen wolle, nannte er mir einen Preis, den ich sofort ablehnte. Wenn überhaupt, dann könne ich sowieso nicht über eine bestimmte Grenze hinausgehen. Wir handelten hin und her und letztendlich verschönte eine schöne Kette meinen Hals, die ich um ca. 45 % heruntergehandelt hatte. Unsere ständigen Zimmernachbarn (die Zimmer wurden nach dem Alphabet vergeben), liebe Mitreisende aus Augsburg, die mit uns den Bummel durch die Altstadt gemacht hatten, erwarteten uns bereits in einem hübschen Straßenrestaurant. Es wurde noch ein schöner Abend in lauer Sommerluft.

Am nächsten Tag ging unsere Reise weiter nach Korinth. Am Kanal hatten wir eine Fotopause und ich versuchte mit dem neuen Fotoapparat, in dem der Filmtransport nicht so richtig funktionieren wollte, mein Bestes. Zur Sicherheit kauften wir einige vom Fachmann gemachten Dias. Das gleiche Spielchen war dann bei der Fotopause in Alt-Korinth, bei der wir uns die Brunnenhäuser ansahen, in denen man sich gut das Baden in früheren Zeiten vorstellen konnte. Die Agora war noch gut ersichtlich und der Apollo-Tempel, als einer der ältesten Griechenlands, begeisterte uns alle. Aber am lustigsten fanden wir die vielen steinernen Klos mit Wasserspülung am unteren Ende, auf denen die Menschen der damaligen Zeit ohne Abtrennung voneinander gesessen und geplaudert haben, während sie ihr Bedürfnis erledigten.

Und weiter ging unsere Fahrt. Das Ziel war Mykene. Die Ausgrabungsstätte von Heinrich Schliemann. Durch das berühmte Löwentor ging es zu den Königsgräbern und dem Palast steil hinauf über glattabgelaufene Steinpflaster. Von oben konnte man zum sogenannten Grab des Agamemnon sehen, wohin uns der Bus dann kurz darauf brachte. Ein Hügelgrab empfing uns mit Mauern rechts und links. Der Eingang bestand aus einem Spitzbogen. Innen war ein großer, sehr hoher Raum, auf der rechten Seite ein sehr dunkler, kleinerer Raum, in den früher die Knochen der vorher verstorbenen transportiert wurden, damit in der großen Kammer wieder genügend Platz war. Hier war keine Chance, gute Fotos zu schießen.

Nach kurzer Besichtigung fuhren wir weiter nach Epidaurus. Zunächst besuchten wir die Kult- und Heilstätte des Asklepios, auch Äskulap genannt. Noch heute benutzen die Ärzte das Zeichen mit Stock und Schlange, das als Äskulap-Stab in die Geschichte einging. Wir besuchten außer der Heilstätte auch noch das Heiligtum mit den Liegehallen und das Stadion. Aber das schönste in Epidaurus war das traumhafte Theater. Eingebettet in beruhigendes Grün lag es in zeitloser Schönheit vor uns. Es hatte einige Erdbeben überlebt, Risse zeugten noch davon. Einige Stufen waren wieder an ihren Platz gerückt worden. Mit Beispielen wie Klatschen, Papierreißen, Streichholz anzünden usw. wurde von mehreren Reiseleitern um die Wette demonstriert, wie phantastisch die Akustik in diesem Halbrund ist. Die ältere Mitreisende, die wir bereits von Bus und Fähre kannten, stand auf einer markierten Stelle und deklamierte ein Gedicht. Wir saßen auf der obersten Steinstufe und verstanden jedes Wort.

Von dort fuhren wir weiter nach Drepanon zu einem sehr schön gelegenen Hotel, dem „Danti”. Es lag fern der Durchgangsstraße inmitten einer Parkanlage. Zum Hotel gehörte auch ein an den Park angrenzender Campingplatz, der direkt am Meer lag. Beim Abendessen legte der Kellner ein Tempo vor, daß ich mich bei ihm über die Hektik beklagte. Er entschuldigte sich zwar, aber das war nicht ehrlich gemeint. Nach einem schönen, linden Abend bei einem Gläschen Rotwein in netter Gesellschaft schliefen wir sehr ruhig. Am nächsten Morgen ging die Fahrt bis Nauplion, seit 1829 die Hauptstadt Griechenlands. Der 1. König Griechenlands, Otto Prinz von Bayern, traf 1833 in Nauplia ein, verlegte aber 1834 bereits die Hauptstadt nach Athen. Der Ort zeigte viele Spuren der byzantinischen, venezianischen und türkischen Geschichte. Und weiter ging die Fahrt über Tripolis nach Mystras. In der Ruinenstadt sahen wir sorgfältig restaurierte, spätbyzantinische Fresken und bewunderten den schattigen Innenhof des 1428 erbauten Klosters Pantanassa.

Sparta war das nächste Ziel. Die Übernachtung war im Hotel „Maniatis”. Es lag direkt an zwei Hauptstraßen, war sehr laut, aber sauber. In einem Straßenrestaurant, in dem der Eiscafé super geschmeckt hatte und der Ouzo als dreistöckiger serviert wurde, war der Wein, der nach Eukalyptus schmeckte, fast ungenießbar.

Von Sparta aus ging es am nächsten Tag über den Taygetos-Berg, Kalamata und Kiparissia nach Olympia. Wir konnten die Reste des früher einmal gigantischen Zeustempels und des älteren Heratempels sehen und bekamen die Werkstatt des berühmten Bildhauers Phidias gezeigt. Wir gingen über Steine, über die die Athleten der Vorzeit gingen, sahen die Ruinen der Aufwärm- und Trainingshalle, die Bäder, die zur Reinigung und Vorbereitung für die Kämpfe gedient hatten. Dann betraten wir das Stadion, in dem die Sportler um Ehre und Sieg gekämpft hatten, und sahen Start- und Ziellinie aus Steinen.

Der Reiseleiter erzählte von einer Mutter, die damals ihre beiden Söhne selbst trainiert hatte. Da verheirateten Frauen der Zugang zum Stadion verboten war, verkleidete sie sich als Mann, um den Söhnen bei den Wettkämpfen zur Seite zu stehen. Als nun einer der Söhne als Sieger aus dem Kampf hervorging, rannte sie hin, ihm zu gratulieren. Dadurch verriet sie sich. Zur damaligen zeit traten die Kämpfer immer nackt an, während die Trainer bekleidet waren. Von dem Zeitpunkt an, als eine Frau sich eingeschlichen hatte, mußten sich auch die Trainer nackt ins Stadion begeben. Außerhalb des Stadions hatte es früher Gästehäuser gegeben, die an die betuchten Besucher für die Zeit der Spiele vermietet wurden. Arme Leute zelteten im umliegenden Gelände.

Wir konnten den großen Stein bewundern, auf dem alle vier Jahre das olympische Feuer entfacht wird, das dann im Stafettenlauf rund um die Welt zum aktuellen Ort der Olympischen Spiele gebracht wird. Der Ursprung der alten Spiele liegt im Dunkel. Es ist nur bekannt, daß der König von Elis im Jahre 776 v. Chr. die Spiele reorganisierte und den Turnus auf 4 Jahre festlegte. Während der Zeit der Spiele (mit An- und Abreise der Spieler dauerte der Zeitraum ca. 3 - 4 Monate) durfte kein Krieg geführt werden. Wer die Regel mißachtete, wurde von den anderen geächtet. Insofern waren die Spiele eine politische Sache und nicht nur das. Sie wirkten auch erzieherisch. Wer sich damals unfair verhielt, verlor seine eigene Ehre und die seines Landes. Andererseits konnte der Sieger für sein Land die größte Ehre erwirken und er ging in die Geschichte ein.

Auf der Fahrt nach Rion kamen wir an warmen Seen vorbei, die von 40°C warmen Heilquellen gespeist werden. Die Überfahrt auf der Fähre von Rion nach Antirion begann mit einem Stau von Fahrzeugen in Viererreihe. Langsam ging es auf die Fähre zu, die vor uns lag. Dann standen alle, nichts ging mehr. Ein LKW mit Anhänger hatte einen Motorschaden und konnte nicht aus eigener Kraft von der Fähre fahren. Ein Schleppfahrzeug fuhr hin, zog den LKW hin und her, PKW, die daneben und dahintergestanden hatten, verließen beim kleinsten bißchen Platz beinahe fluchtartig die Fähre. Dann kam eine andere Fähre. Alle PKW, die sich mit dem Heck zur Fähre gestellt hatten, sprinteten jetzt los zur nächsten Fähre. Unser Busfahrer ließ sich Zeit. Ein anderer Bus hatte bereits vorher vor uns gestanden und auch jetzt blieb er wieder vorne. Und immer mehr PKW und LKW kämpften um einen Platz auf der Fähre. Wir wurden ausgeladen, gingen zu Fuß zur Fähre und suchten uns einen Platz auf dem Oberdeck, von dem aus wir das Spektakel beobachten konnten. Ein LKW raste auf dem schrägen Kai an unserem Bus vorbei und wäre bei weniger Geschwindigkeit sicher ins Meer gefallen, denn er begann schon zu kippen. Der Laderaum erschien uns schon voll und immer neue Wagen kamen angefahren. Unser Bus stand immer noch vor der Fähre. Gerade, als er losfahren wollte, kam ein weiterer LKW angefahren und fuhr sofort auf die Fähre. Die Männer, die die Wagen einwie-sen, sprangen hin und her, dirigierten hierhin und dorthin. Die Fahrzeuge standen millimeterdicht aneinander, die Anhänger der Lastkraftwagen unmittelbar vor den Windschutzscheiben der niedrigeren PKW. Die Männer gestikulierten herum, schrien den Fahrern Anweisungen zu und endlich begann sich unser Bus zu bewegen. Auch er wollte rückwärts auf die Fläche rollen. Aber das erschien den Männern ungünstiger und er fuhr vorwärts drauf. Und noch ein Millimeter nach vorne, und noch ein bißchen nach links, nach rechts und der LKW noch ein wenig zur Seite, und der PKW nach links (vielleicht kann man ihm doch noch die Seitenspiegel wegklappen?). Und endlich war der Bus drauf, aber nicht so ganz. Die Klappe wurde hochgedreht, aber sie konnte nicht geschlossen werden, weil der Bus mit seinem Heck daraufstand. Mir sank das Herz in die Hose. Sämtliche Fährenuntergänge der letzten Jahrzehnte sprangen mir in den Kopf. Ich suchte schon die Stelle aus, von der ich wohl am günstigsten ins Meer springen könnte, falls etwas passieren würde. Wie würde ich den Drahl von der Rettungsinsel lösen können, gab es überhaupt genügend Rettungsringe? Der ältere Mitreisende sah mich lächelnd an und versuchte mich zu beruhigen. Ein Untergang der Fähre wäre in etwa so wahrscheinlich für mich wie ein Sechser im Lotto, erklärte er mir. Es nahm mir zwar nicht die Angst, aber ich wurde doch etwas gelassener. Ich atmete erleichtert auf, als wir endlich am Festland anlegten. Die Fahrt ging weiter nach Naupaktos. Wie schön wirkte unser Hotel „Lepanto” von außen und wie schmutzig waren die Zimmer. Zum Glück waren die Betten sauber. Das Hotel lag direkt an der Uferstraße, die als Durchgangsstraße genutzt wurde. Das Fenster konnte nicht geöffnet bleiben, die Klimaanlage schien das Zimmer noch zu wärmen, statt zu kühlen. Wir waren am Morgen froh, zum Frühstück gehen zu können. Aber die Freude währte nicht lange. Der Frühstücksraum war in einem niedrigen Zwischengeschoß. Das Frühstück stand auf Tabletts mit abgezählten Brotscheiben vorbereitet und wurde uns von einem Herrn in schmuddeliger Kleidung überreicht. Eine Dame schnitt dann auf Anfrage noch etwas Brot auf und reichte die Scheiben per Hand an. Außer Marmelade gab es nicht viel als Belag. Der Kaffee schmeckte nach nichts. Wir freuten uns, das Hotel verlassen zu können und bestiegen den Bus, um mit ihm nach Igomenitsa zurückzufahren. Von dort ging es dann wieder auf die Fähre nach Korfu. Zum Glück die letzte Fährenüberfahrt.

Auf der Insel angekommen, nahmen wir Abschied von den Mitreisenden, mit denen wir uns im Laufe einer Woche angefreundet hatten. Da es nur wenige Paare waren, die nach Moraitika fuhren, wurde uns ein Kleinbus geschickt. Wir fuhren an der malerischen Steilküste vorbei und hofften doch, daß wir das richtige Hotel an einem Sand-/Kiesstrand bebucht hatten. Und wir hatten Glück. Das „Delfinia” lag wie im Prospekt versprochen direkt in einer schönen Parkanlage. Der Fahrzeuglärm ging im großen Abstand am Hotelkomplex vorbei. Das Zimmer war einfach für die angeblichen 4 Sterne, die das Hotel nach unserem Katalog haben sollte, aber es war sauber und groß und hatte eine Klimaanlage. Der Balkon ging direkt zum Park und Meer hinaus und weil wir ein Zimmer im 3. Stock hatten, konnte uns niemand ins Zimmer gucken und wir sahen nur das Grün der Bäume und die changierenden Farben des spiegelglatten Meeres. Die Sehnsucht, sich ins Meer zu stürzen, war so groß, daß wir noch vor dem Kofferauspacken unsere Badesachen herausnahmen und uns in das sicher 27°C warme Mittelmeer stürzten. Es sah von hier aus wie ein riesiger See, da das Hotel in einer großen Bucht lag. Auf der gegenüberliegenden Seite konnte man das Festland mit Igomenitsa erkennen. Die Berge erinnerten in ihrer Kargheit an Wüstengebiete wie die Golan-Höhen oder den Sinai. Und wir genossen das Grün der Zitronen- und Organgenbäume, der Bananenstauden und Palmen und der vielen uns unbekannten grünen Gewächse in der phantastischen Hotelanlage.

Nach dem Abendessen und einem Verdauungsspaziergang wollten wir nach einer Taverne Ausschau halten, in der wir preiswert einen guten griechischen Wein trinken konnten. Auf einem Schild an einem kleinen Weg, der neben dem Hotel entlang führte, lasen wir den Namen einer Taverne und beratschlagten, ob es sich wohl lohne, in Hotelnähe nach etwas „echtem” zu suchen, als wir von einem älteren Mann mit Wiener Dialekt angesprochen wurden. Er empfahl uns die Taverne, die er und seine Frau selbst schon seit einer Woche gerne besuchten. Wir schlossen uns ihnen also an und hatten für die zweite Ferienwoche direkt wieder Anschluß gefunden. Zu der geselligen Runde gehörten noch ein Paar aus der Trierer Kante und eines aus Schwaben. Und außer uns „Neuen” kamen dann zwei Tage später noch ein Paar aus Wien dazu. Wir hatten viel Spaß miteinander, und wenn wir es gewollt hätten, hätte Hans (der Ältere) uns jeden Tag Liegestühle reserviert. Seine Frau Martha war eine temperamentvolle Frau mit Herzlichkeit. Hans der Jüngere wurde seit seinem Gesangsdebüt im Meer nur noch Caruso genannt. Mit Grete und ihm spielten wir an einem Nachmittag mit unserer aufblasbaren Diskusscheibe im Meer, dessen Boden aus feinstem Sand besteht. Der Prospekt hatte Sand-/Kies- strand angegeben und deshalb war ich davon ausgegangen, daß auch im Meer Kiesel wären. Aber wenn man über einen etwa 1,5 m breiten Kiesstreifen gegangen war, erwartete uns der schönste Sand mit gelegentlichen Seegrasbüscheln, die sanft an den Beinen kitzelten. Im türkisgrünen, kristallklaren Wasser sah man manchmal kleine beige Fische schwimmen. An einem Tag fuhren wir mit Käpt’n Costas auf seinem umgebauten Fischerboot an der Küste entlang Richtung Süden. Das Meer zeigte sich an tieferen Stellen tintenblau, vor der Sandbank, an der es verschiedenste Muschelschalen gab, türkisgrün. Bei der Rückfahrt kam etwas Wind auf und das Meer kräuselte sich. Mit gedrosseltem Motor erreichten wir wieder die Anlegestelle vor dem Hotel.

An einem Tag fuhren wir mit dem öffentlichen Bus nach Korfu-Stadt. Bei der Information am Busbahnhof erhielten wir einen Plan mit den Abfahrtzeiten der Busse, die in unsere Richtung fuhren. Dann machten wir uns auf die Suche nach besonderen Eindrücken. Die Festungen sahen wir uns nur von außen an. Wir gingen über den bunten Markt mit seinem riesigen Angebot an Obst und Gemüse. In der Nähe eines großen Parkes fanden wir unter schattigen Bäumen ein schönes Plätzchen mit Blick auf die beiden Festungen. Hier befand sich eine Taverne, die mit schöner Musik und einem kühlen Getränk einlud, zu verweilen. Wir hätten es noch länger dort ausgehalten, aber wir wollten doch die Stadt erobern. Nun ging es hinein in die engen Gassen der Altstadt. Manche der kleinen Plätze waren nur zu Fuß zu erreichen, weil die kleinen Gassen mit Treppen gespickt waren. Auf manchen Plätzen gab es Brunnen, die oben mit einer Metallplatte zugedeckt waren. Hier in den engen Gassen trafen wir kaum Touristen an. Die meisten spazierten über die etwas breiteren Wege, an deren Seiten die Geschäfte sich aneinanderreihten. Dort trafen wir nicht nur Leute aus unserem Hotel, sondern auch ein Paar von der Rundreise. Wir gingen zusammen in eine Taverne, aber dort waren die Kellner nur auf Ausnehmen aus. Für ein Glas Bier sollten wir das Doppelte vom Preis aus der Getränkeliste zahlen. Nach kurzem Protest unsererseits legten wir einfach den Listenpreis auf den Tisch und gingen weiter, während unsere Bekannten anscheinend den geforderten Betrag zahlten und ein Engländer vom Nachbartisch protestierend wie wir zuvor bei dem Kellner stand.

Allmählich wurde es Zeit, sich von den Bekannten zu verabschieden. Auf die letzte Minute kamen wir beinahe im Dauerlauf am Busbahnhof an. Der Bus, ein umfunktionierter Reisebus, war bereits voll. Sogar im Mittelgang standen Menschen dicht gedrängt. Da wir keine Lust hatten, noch zwei weitere Stunden durch die Stadt zu rennen, um den nächsten Bus dieser Linie zu erreichen, standen wir ein wenig ratlos herum. Aber das Problem war schnell gelöst. Ein Lob den maßgeblichen Leuten in Korfu. Innerhalb weniger Minuten war ein weiterer Bus zur Verfügung gestellt und alle, die bereits im Bus gestanden hatten und alle, die vor dem Bus auf einen Platz gewartet hatten, konnten einsteigen, und los ging die Fahrt zurück nach Moraitika.

Leider ging die Woche Erholungsurlaub viel zu schnell vorbei, und so kam für unsere Wiener Bekannten und uns auch der letzte Abend zu schnell. In einer Taverne im alten Ort Moraitika, hoch am Berg gelegen, hatten wir bereits zuvor einen sehr guten Wein getrunken. Dahin zog es uns nun am letzten Abend. Wir hatten viel Spaß, lachten und erzählten, und als unser Caruso dann zu singen begann und wir den Gesang ein wenig untermalten, stellte der Wirt seinen Casettenrecorder aus und summte mit. Am Nebentisch hatte ein deutsches Paar Platz genommen, das den Wirt gut kannte. Die junge Frau stellte sich mir als Gabi aus München vor, die mit einer Musikgruppe in Griechenland sei und schon seit 9 Jahren auf Korfu Urlaub mache. Als außer uns keine Gäste mehr auf der Terrasse saßen, kam der Wirt mit hohen Wassergläsern, die mit einer klaren Flüssigkeit gefüllt waren. Nach kurzem Schnuppern wußte ich gleich, daß es der Trester war, den wir für Peter mitbringen sollten aber bisher nicht bekommen konnten. Da erzählte Gabi, daß es das Getränk auf Korfu nicht gibt. Sie habe es extra für den Wirt vom Festland besorgt, und sie habe es auch nur deshalb bekommen, weil sie als zierliche, blondhaarige Frau mit allen Tricks und Überredungskünsten gearbeitet hätte. Sie habe dem Wirt nun einen 20 Liter-Kanister mitgebracht, und von dem ließe er uns nun kosten. Wir ließen es uns schmecken. Aber ich spürte den Alkohol bereits. Nach dem Abendessen hatte ich zum besseren Verdauen bereits einen Ouzo getrunken und hier in der Taverne schon fast einen halben Liter Wein. Jetzt kam zu meinem Alkoholspiegel der Trester in einer Menge dazu, die fast ein kleines Wasserglas ergab. Aber es schmeckte, und nicht nur mir. Hans, der Ältere, schmiß eine Runde Trester und Hans, der Jüngere, ließ sich nicht lumpen und schmiß auch noch eine Runde. Aber da war nicht nur ich reif für den Abstieg ins Hotel. Alles war auf einmal zum Lachen und uns taten schon die Bauchmuskeln weh, weil immer wieder jemandem etwas Trolliges einfiel. Die letzte Nacht im Hotel schliefen wir alle sehr gut.

Um den Wirt der anderen Taverne nicht zu enttäuschen, gingen wir am letzten Tag vor der Abreise zum Mittagessen noch einmal hin. Christos verabschiedete uns dann versöhnt, und wir warteten im Hotel auf den Bus, der so nach und nach alle zum Flughafen Korfu beförderte. Der Abschied fiel uns schwer. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander erlebt und tauschten nun Adressen aus, damit wir uns vielleicht wenigstens schreiben könnten. Denn wann wir das nächste Mal nach Wien kommen würden, steht in den Sternen. Eigentlich war unser Rückflug so frühzeitig angesetzt, daß wir gegen 16.00 Uhr wieder zu Hause gewesen wären. Aber man hatte einfach unsere Maschine gestrichen, und so wurden wir erst um 16.00 Uhr im Hotel abgeholt. Der Flug war gut, aber kurz vor der Landung teilte uns der Kapitän bzw. der Erste Offizier, wie er sich nannte, mit, daß wir mit starken Windböen aus Süd-West zu rechnen hätten. Und das merkte man dann auch sehr. Kurz vor der Landung kippte die Maschine immer wieder nach der einen oder anderen Seite weg, man spürte förmlich, wie sehr der Kapitän mit den Böen kämpfte, um die Maschine gerade zu halten. Kurz nach 20.00 Uhr landete die Maschine etwas unsanft in Frankfurt/Main. Die Koffer waren auch schnell auf dem Band, und wir suchten nach der Person, die uns mit dem Shuttle-Taxi nach Hause befördern sollte. Aber es war niemand da. Wir riefen deshalb bei der Zentrale an und man sagte uns, daß der Fahrer sicher im Stau stecken würde.

Und dann kam er. Er lud unsere Koffer in einen neuen Opel und fuhr los. Zunächst fuhr er auf der Autobahn noch knapp 90 km/h. Aber dann fiel die Geschwindigkeit auf 80, 70, 60, 50 km/h. Leichter Regen hatte eingesetzt und ich hatte das Gefühl, daß er unsicher wäre. Wenn von rechts ein LKW auf die Autobahn auffahren wollte, machte er ihm Platz, wich auf die linke oder mittlere Spur aus, um sich anschließend hinter den LKW zu setzen. Dabei rieb er sich ständig die Augen. Ich fragte ihn, ob ihm die Augen wehtäten und er erklärte, er sei es nicht gewöhnt, so niedrig zu sitzen. Er hatte immer nur eine Hand am Steuer, mit der anderen stützte er, als ob er müde wäre, seinen Kopf ab. Zwischendurch kratzte er sich, als ob er Schlafläuse wegkratzen wollte. An einer Abfahrt fuhr er falsch, mußte einen Umweg fahren, um wieder Richtung Koblenz zu kommen. Ich hatte das Gefühl, daß er entweder völlig übermüdet sei oder unter Drogen stehen würde. Mit Gesprächen versuchte ich ihn wachzuhalten, meinte, als wir uns der Südbrücke in Koblenz näherten, jetzt seien wir ja bald da, und er sagte, Gott sei Dank. Ich machte drei Kreuze, als er uns dann endlich zu Hause absetzte. Das war ein Urlaub der besonderen Weise, von Anfang bis zum Ende und ich denke, er wird uns immer in Erinnerung bleiben.

Hellenas Gesang

Zunächst erhellte Zeus
mit Funkenschlag den Himmel,
durch grollend-schwarze Wolken
verbrachte Hermes uns
zu Kerkyras Gefilden.

Doch leider durften wir
noch nicht so lang verharren,
und mit des Himmels Segen
fuhr durch Poseidons Fluten
die Fähre uns zum Festland.

In Hellas floß der Wein.
Zu rotem Rebentrunke
lud uns Dionys' ein,
und die Akropolis
sah strahlend auf uns nieder.

Odysseus reiste weiter,
und die Sirenen lockten,
doch diesmal nicht umsonst.
Athenes Goldgeschmeide
verschönte manchen Hals.

Im Dunkel milder Nacht
erstanden Mythenträume.
Die Eumeniden schienen
uns huldvoll zuzuseh'n.
Doch Ate mischte mit.

Warum nicht Aphrodite?
Aus Meteora-Höhen,
aus Klöstern, Tempelwelten
im hellen Sonnenschein,
sah'n neidvoll die Erinnyen

An Drepanons Gestaden
entschwand in lauer Nacht,
von Ares unbemerkt,
das Lächeln Aphrodites.
Zurück blieb nur die Maske.

Im Spiegelbild zerrissen
verschwand des Mondes Göttin
im klaren Blau der Fluten
um nie mehr aufzutauchen.
Doch launisch sind die Götter.

Ganz fern des Götterberges
erlaubten sie den Menschen,
am Abend auszuruhen.
In einer der Tavernen
erklang herzhaftes Lachen.

Die Frucht von Feld und Weinberg
versüßte Demeter
mit göttlich reinem Nektar.
Und Polyhymnia
ließ die Musik erklingen.

So endete die Reise.
Erfüllt noch vom Gesang
elysischer Gefilde,
entließ uns Vater Zeus
auf Hermes' schnellen Schwingen.



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