Moin-Moin

"Moin-Moin", begrüßte uns der Taxifahrer am Bahnhof Norddeich. Wir hatten ein Taxi bestellt, weil wir keine Ahnung hatten, wie weit es zu unserer Pension sein könnte. Bei seinem Gruß sah ich etwas verunsichert auf die Armbanduhr, sagte automatisch "Guten Morgen" und dachte schon, ich sei mit der Uhrzeit etwas durcheinandergeraten. Schließlich war ich schon um fünf Uhr am Morgen aufgestanden. Für mich als Nachtmensch eine völlig ungewohnte Aufstehzeit. Jetzt war es bereits 14.30 Uhr und wir hatten eine Bahnfahrt von 8 Stunden 17 Minuten von Koblenz nach Norddeich hinter uns gebracht. Der Taxifahrer hatte mein unsicheres Grüßen bemerkt und lachte verschmitzt.

"Bei uns heißt das den ganzen Tag "Moin", nicht nur morgens. Sie waren wohl noch nicht hier?"

Schon ertappt. Er fuhr uns dann fünf Minuten lang durch den Ort (wegen der zahlreichen Einbahnstraßen und Sackgassen), bekam acht Mark und wünschte uns noch einen schönen Aufenthalt. Als wir am anderen Tag die Strecke von der Pension zum Bahnhof spazierten, stellten wir fest, daß wir sie in zehn Minuten auch ohne Taxi geschafft hätten.

Bekannte hatten uns die Pension vermittelt und nun wollten wir ein Paar Tage in harter, noch winterkalter Nordseeluft ausspannen. Wir freuten uns wie die kleinen Kinder auf den Kurzurlaub in der Karwoche.
Am Nachmittag des 29. März, dem Tag vor der Abfahrt, entschieden wir uns, mit der Bahn nach Norddeich zu fahren. Es gab da seit einiger Zeit das sogenannte Wochenend-Ticket, mit dem man ganz preiswert durch Deutschland fahren konnte. Aber nur samstags und sonntags. Und das bot sich für uns an. Wir waren von der Idee begeistert. Kein Streß auf der Autobahn, egal, welches Wetter herrschte, gleichgültig, ob Glatteis auf den Straßen wäre, wir kämen beide ausgeruht im Norden an. Außerdem war unser Auto schon mit Sommerreifen ausgerüstet und es war schlechtes Wetter für das Wochenende angesagt. Am Bahnhof ließen wir uns die Verbindungen heraussuchen und entschieden uns für einen Zug um 6.00 Uhr ab Koblenz. Man sagte uns, daß wir dreimal umsteigen müßten. Aber das wollten wir trotz der Koffer in Kauf nehmen.
Und so ließen wir uns mitten in der Nacht zum Bahnhof bringen. Der fast leere Zug fuhr pünktlich ab, und wir hatten viel Platz für unsere Koffer. In Köln war der erste Umsteigebahnhof, und wir hatten Zeit, mit Croissants und Kaffee zu frühstücken.
Die Fahrt ging weiter bis Münster. In Elberfeld stieg eine Gruppe mit fünfzig Personen, die Münster besichtigen wollten, in den kurzen Zug. Die Menschen standen und saßen eng gedrängt, und wir fühlten uns zusammengepreßt wie Ölsardinen in der Büchse. Kinder liefen in die eine Richtung durch den Gang, die Mütter im Schlepptau. Wenige Minuten später ging der Troß wieder, sich durch den Gang quetschend, zu den Plätzen zurück. Da der Zug in Köln eingesetzt worden war, hatten wir das Glück, gute Plätze zu "besitzen". Aber nachdem wir schon beinahe vier Stunden nur gesessen hatten, ließen wir gerne ältere Mitreisende sitzen, denen das Stehen schwerfiel. Der Zug kam mit wenigen Minuten Verspätung in Münster an, der Endstation für den Streckenabschnitt. Dadurch hatten wir direkten Anschluß nach Leer. Dieser Zug war schon gut besetzt, und wir fanden nur noch Plätze in einem Raucherabteil. Die großen Koffer ließen wir aus Platzmangel in dem Zwischenraum zwischen zwei Abteilen stehen. Menschenmassen strömten in den Zug. Drei junge Männer im Studentenalter waren in Meppen zugestiegen. Sie waren mit riesigen Reisetaschen und Gummistiefeln bepackt und nahmen auf den zwei Notsitzen im Zwischenabteil Platz. Ihre Stiefel warfen sie unter ihre Sitze, ihre Taschen knallten sie auf einen unserer Koffer, während der dritte Mann auf dem anderen Koffer Platz nahm. Die drei waren sehr lustig und meinten scherzhaft:

"Scheiß Wochenendticket. Müssen denn alle die gleiche Idee haben?"

Sie packten eine große Flasche Magenbitter aus, um sich zu trösten. Den scharf-würzigen Geschmack tranken sie anschließend mit Dosenbier wieder weg. Der auf dem Koffer sitzende begann, langsam und gekonnt aus Zigarettenpapier und krümeligem Tabak eine Zigarette zu drehen. Die Spielkarten wurden ausgepackt und sie begannen zu spielen. Tausendmal ging währenddessen die Tür zwischen Abteil und dem Notsitzkorridor auf, immer wieder schob der auf dem Koffer Sitzende die Tür zu. Einer der Mitreisenden vermutete, sie würden Offiziersskat spielen. Als er sie fragte, zeigten die drei ihre Karten, auf denen Panzer und Waffen abgebildet waren.
"Wir spielen sozusagen Bundeswehrquartett," sagten sie und lachten sich dabei fast krumm.
So nach und nach leerten sich die Wagen des Zuges, und für die jungen Männer wurde Platz im Abteil. Sie zogen samt ihrem Gepäck um und spielten am neuen Platz weiter, als habe es überhaupt keine Unterbrechung gegeben.

Das junge Mädchen, das uns gegenübersaß, schien kein Interesse an anderen zu haben. Mit Kopfhörern auf den Ohren und der eigenen Lieblingsmusik in der Tasche stierte sie fast ununterbrochen mit ihren wunderschönen rehbraunen Augen aus dem Fenster.
Auch wir schauten hinaus. Die Landschaft war platt wie ein Pfannekuchen. Blitzschnell kamen kleine, saubere Orte ins Blickfeld und verschwanden genauso schnell wieder. Das Wetter hatte sich während der Fahrt ständig geändert. Der Zug durchquerte Graupelschauer, Schneefall, Sonnenschein und wolkenverhangenes Grau. Wir waren froh, im Zug zu sitzen und nicht im Auto. Auf der Autobahn würden wir vielleicht im Stau stehen oder auf Glatteis schlittern. Als wir in Leer ankamen, schlug uns auf dem Bahnhof kalte Luft entgegen. Wir freuten uns, daß nach nur etwa fünfminütigem Warten der Zug aus Braunschweig ankam, der uns nach Norddeich bringen sollte. Er war zum Glück nicht überfüllt. Im Sechserabteil, das wir betraten, saß ein junges Mädchen aus Sachsen-Anhalt, das Norddeich schon gut kannte und uns begeistert von vergangenen Ferien erzählte.

Und dann waren wir endlich da. Bahnhof Norddeich. Das Wetter war wie gewünscht! Strahlender Sonnenschein und knallblauer Himmel mit schönen, weißen Wolken begrüßten uns.
Das Taxi brachte uns zur Pension. Der Pensionswirt empfing uns sehr freundlich und geleitete uns in das einzige Zimmer des Hauses mit Balkon. Wir waren begeistert. Der Balkon lag von morgens bis abends in der Sonne, und wir würden bei schönem Wetter sicher den darauf stehenden Tisch und die Stühle nutzen. Der gute Eindruck wurde ein wenig getrübt durch die Nikotinfahne, die ein starker Raucher im Zimmer hinterlassen hatte. Die Balkontüre und das Fenster standen zum Lüften bereits weit offen, als wir ankamen.
Nach dem Auspacken sehnten wir uns nach einem ersten langen Blick aufs Meer. Aber Hunger und Durst zwangen uns, eine Pause in unserem Entdeckungsdrang einzubauen. Gleich um die Ecke machte ein Wirt Reklame für ein Kännchen Kaffee und ein Stück Torte für 6,50 DM. Wir wollten das Angebot ausprobieren und gingen hinein. Und dann kam es..... Ein so riesiges Stück Torte hatten wir noch nie gesehen. Es füllte den ganzen Teller aus und war so dick, daß es höher lag, als die Kaffetasse hoch war. Das konnte man wohl kaum schaffen. Wir quälten uns damit ab und gaben irgendwann resigniert auf. Als wir zahlten, fragte der Kellner, ob es geschmeckt habe. Wir dankten für die Nachfrage, meinten aber augenzwinkernd, die Stücke wären ein wenig klein gewesen. Er besah sich die Reste auf den Tellern, grinste und bot uns ein weiteres Stück Torte an. Dann erzählte er uns noch etwas von der Konkurrenz, die nicht schlafe und daß man da immer etwas tun müsse.

Wir verließen das freundliche Lokal und mußten nun endlich unsere Beine vertreten. Von der Pension bis zum Deich waren es nur knapp drei Minuten. Wir gingen die neuangelegte Treppe hinauf, marschierten ein kurzes Stück auf der Deichkrone, gingen dann hinunter zum Watt und schlenderten bei herrlichem Sonnenschein im kalten Wind, der uns ordentlich zauste. Wir erfreuten uns an den Möwen, die ihre Kapriolen in der Luft machten. Als wir eine ganze Zeit gelaufen waren, mußten wir wieder umkehren. Frische Luft macht hungrig und nach dem langen Spaziergang stellte sich trotz des riesigen Kuchenstücks zuvor schon wieder Hunger ein. Da wir uns noch nicht genug auskannten im Ort und statt der Lokale zu studieren erst einmal spazieren gegangen waren, beschlossen wir, noch einmal in das "Kuchenlokal" zu gehen. Auf der Speisekarte war eine große Auswahl von Gerichten und es war nicht einfach, die richtige Wahl zu treffen. Wir bestellten wir uns eine Fischplatte für zwei Personen. Zunächst wurde ein Salatteller gereicht, von dem alleine man bereits hätte satt sein können. Als die Fischplatte serviert wurde, bereuten wir unsere Bestellung sofort. Das Stück Kuchen hätte uns eigentlich schon vorwarnen müssen. Aber naiv, wie wir waren, fielen wir wieder herein. Von der Fischmenge auf dieser Platte hätten sich gut und gerne vier Personen sattessen können. Wir saßen ganz erstarrt da, nahmen langsam Stück für Stück der verschiedenen Fischarten auf die Teller und aßen und aßen. Wir bemühten uns sehr, aber obwohl wir uns viel Zeit nahmen, ging nicht mehr als die Hälfte des Fischgerichtes in uns hinein.

Wir verbrachten die erste Nacht in der Pension in ungewohnt weichen Betten. Dadurch wachten wir fast jede Stunde auf. Doch das reichhaltige Frühstück entschädigte uns für den Schlafmangel. Der zweite Tag in Norddeich begann wieder mit schönstem Sonnenschein und nicht mehr ganz so eisigem Wind. Wir wanderten zunächst in Richtung Greetsiel, immer direkt am Ufer entlang, dann gingen wir in genau entgegengesetzter Richtung bis an die Hafenanlagen von Norddeich und sahen zu, wie die Fähren nach Norderney und Juist abfuhren. Ein vorwitzig gelegenes Haus in Hafennähe, der "Uitkiek", lockte uns hinein. Wir probierten den "Küstennebel", einen Anislikör, der eiskalt serviert wurde. Der schöne Blick auf das Wattenmeer hatte es uns angetan, und deshalb beschlossen wir nach dem Überfliegen der Speisekarte, mittags nochmals für eine phantastisch schmeckende Fischsuppe in das Lokal zu gehen.
Und wie nun einmal Genießer sind, wollten wir auch den Abend mit einem schönen Essen abschließen. Wir spazierten durch den Ort und entdeckten an der Hauptstraße des Ortes ein Lokal, in dem man nicht nur Fisch vom Feinsten bekam sondern sogar einen guten Rheinhessenwein. Und da auch hier die Portionen mehr als reichlich bemessen waren, brauchten wir als Digistiv einen Friesengeist, den wir mit einem speziellen Friesenspruch serviert bekamen.

Der nächste Urlaubstag war wieder sonnig und schön. Die Luft war wieder kälter geworden, der Wind blies hart aus nord-östlicher Richtung. Anscheinend hatte es nachts geschneit. Auf den Nordseiten der Häuser lagen morgens noch weiße Schleier. Die Deichflächen glitzerten silbrighell im strahlenden Sonnenschein. Am dunkelblauen Himmel drehten große Vogelschwärme ihre Figuren. Erst wirkten sie wie eine dunkle, sich schnell bewegende Regenwolke. Dann drehte der Schwarm blitzschnell in eine andere Richtung ab. Dabei blitzte das Gefieder im Sonnenlicht kurz auf, bevor die Masse sich ins Nichts aufzulösen schien. Erst bei einem erneuten Richtungswechsel, den sie in weiter Entfernung machten, sah man den Schwarm wieder.
Auflaufendes Wasser bedeckte nach und nach die matschige Wattfläche. Es schien, als ob jemand den Wasserhahn aufgedreht hätte, um die Badewanne zu füllen. Nach wenigen Stunden ging das Spiel in umgekehrter Reihenfolge vor sich. Als ob irgendwo ein Stöpsel gezogen worden wäre, verschwand das Wasser der Nordsee in unbekannte Weiten. Man hätte sich ausrechnen können, wann Ebbe und Flut waren, oder wir hätten im Yachthafen nachlesen können, wann Hochwasser wäre. Aber wir ließen uns lieber überraschen.
Wir beobachteten die Vögel bei ihrer Nahrungssuche im Watt und sahen den Kindern zu, die die Priele als Spielplatz entdeckt hatten und mit Schaufeln bewaffnet anrückten, damit sie buddeln konnten.
Über den Wiesen surrten am Himmel bunte Drachen. Und es waren nicht nur Kinder, die damit spielten. Der Wind war böig und es brauchte viel Kraft, die Drachen oben zu halten. Manche Väter stemmten sich mit ihrem ganzen Körpergewicht gegen den Wind.
Der Wind hatte an Eiseskälte noch zugenommen und die Sicht auf die Inseln Norderney und Juist war nicht mehr so klar.

Die wenigen Urlaubstage vergingen viel zu schnell. Doch das Wichtigste war, daß wir uns in der kurzen Zeit sehr gut erholt hatten. Leider hatten wir noch so viele ostfriesische Spezialitäten, fester und flüssiger Art, nicht probieren können. Nur einige wenige hatten wir gekostet. Darunter war eine exellente Fischsuppe sowie eine hausgemachte rote Grütze mit einem Vanille-Eisbällchen, die uns noch lange schwärmen ließen. Und wir hatten uns vorgenommen, daß wir bei einem zukünftigen Besuch in Friesland alles Bekannte und Unbekannte probieren wollten.

Am letzten Tag mußten wir unser Frühstück sehr zeitig einnehmen. Wir hatten sehr unruhig geschlafen, voller Angst, der Wecker könnte vielleicht nicht funktionieren. Die Unruhe hat man als Autofahrer nicht, weil man fahren kann, wann man will. So aber ging der Blick während der Nacht immer wieder zum Wecker und zugleich zum Lichtschlitz unter der Zimmertüre, durch den man das Flurlicht sehen konnte. Als wir aufstanden, war das Licht im Flur aus. Es war bereits dämmrig, und ich wollte die Nachttischlampe anschalten. Es tat sich nichts. Vielleicht ist die Birne kaputt, mutmaßte ich und versuchte es mit der Deckenbeleuchtung. Aber auch diese Lampe ging nicht. Das Badezimmer lag genauso im Halbdunkel des beginnenden Tages. So schnell und gut es ging, machten wir unsere Morgentoilette, packten die restlichen Sachen in die fast fertig gepackten Koffer und gingen nach unten. Die Wirtsleute waren beide frühzeitig aufgestanden, um uns zu verabschieden. Sie hatten bereits alle Tische für das Frühstück gedeckt, aber es gab auch im Speiseraum kein Licht. Auf unserem Tisch stand eine brennende Kerze und das Frühstück bekam eine romantische Note. Der Stromausfall betraf den größten Teil des Ortes. Für uns bedeutete das: es gab keinen Kaffee. Die Pensionswirtin mußte ohne Schneidemaschine auskommen und Brot und Belag mit dem Messer von Hand schneiden. Das war zwar mühsamer und ungewohnter, aber ihre Sorge galt den anderen noch schlafenden Gästen. Je nachdem, wie lange der Stromausfall sein würde, würde die Heizung kalt und somit auch das Duschwasser.
Durch diesen Umstand fiel uns der Abschied von den Wirtsleuten leichter. Wir marschierten bei bedecktem Himmel, die Koffer hinter uns herziehend wie trotzige Hunde, zum Bahnhof Norddeich, um die Heimreise anzutreten. Nach 7 Stunden 55 Minuten waren wir wieder zu Hause.

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