Urlaub in FissHome"Wie kann man nur immer wieder in den gleichen Ort fahren?!", staunten wir vor vielen Jahren, als Freunde uns davon erzählten, daß sie jedes Jahr in dem gleichen Dorf in Tirol ihren Urlaub verbringen würden, weil sie es dort so schön fänden, und die Wirtsleute so unwahrscheinlich nett wären. Wir waren jung, wollten etwas von der Welt sehen, und fuhren normalerweise, wenn es uns der Geldbeutel eben möglich machte, in unbekannte Gefilde. Wir konnten uns nicht vorstellen, jedes Jahr das Gleiche zu sehen, irgendwann alles zu kennen, sich nicht erst zurechtfinden zu müssen.
Doch irgendwann ließen wir uns dann überreden und verbrachten gemeinsam mit unseren Freunden einen Sommerurlaub dort.
Bericht vom Sommer 1983.
Aufstehen um 3.15 Uhr. Abfahrt 5.00 Uhr. Wir fahren mit zwei Fahrzeugen, einem grünen Fiat-Bus, genannt Laubfrosch, und unserem VW-Campingbus und treffen uns an der Einfahrt zum Remstecken, da wir aus verschiedenen Richtungen kommen. Laut hupend rast der Laubfrosch an uns vorbei und gibt die Geschwindigkeit vor. Nach dem ersten Tanken machen wir einen Fahrerwechsel, und unsere insgesamt vier Kinder sortieren sich zu zwei und zwei nach den Geschlechtern auf die beiden Fahrzeuge. Bisher hielt sich die Masse an Fahrzeugen, die die gleiche Richtung haben wie wir, in Grenzen. Aber kaum sind wir wieder auf der Autobahn, gibt es den ersten Stau. Und es hält sich dran. Dazu wird der Laubfrosch vor uns immer langsamer, baut richtig ab.
Wir fragen uns, was wohl los sein mag. Er röhrt und schleicht am leider fehlenden breiten Randstreifen entlang die Geislinger Steige hinauf. Und es ist kein Parkplatz in Sicht und immer geht es bergauf. Das geht an die Nerven. Wir schleichen und schleichen und immer im Konvoi. Endlich sehen wir doch einen Parkplatz. Werner angelt eine im Motorraum verloren gegangene Zündkerze und dreht sie wieder rein. Noch immer scheint der Laubfrosch schwer zu atmen, keucht und schnaubt, kann nur schleichen und wir schleichen wieder hinterher. Langsam, langsamer, nervtötend langsam am Randstreifen entlang, ohne Stellmöglichkeit bis zum überübernächsten Parkplatz. Kabel waren verwechselt, jetzt geht es wieder und wirklich, endlich geht es mit voller Fahrt, bis zum nächsten Stau. Nach einem weiteren Fahrer- und kinderwechsel und vielen Bibbi Blocksberg-Kassetten kommen wir endlich an die Grenze. Deutsche Zollbeamte lassen Gudrun mit den Mädchen durch. Uns halten sie an.
Überprüfung der Papiere. Weiter zur österreichischen Seite. Gudrun wird angehalten, wir können durch, müssen aber trotzdem anhalten, weil unsere Tochter keinen gültigen Kinderausweis hat. Kinderwechsel in den Fahrzeugen. Drei der Kinder in den Laubfrosch, wir mit Vera zur deutschen Grenze. Seit drei Monaten müßte sie ein Passbild im Ausweis haben. Gegen Gebühr von 6,00 DM wird der Ausweis für die Zeit des Aufenthaltes in Österreich verlängert. Endlich ist alles klar, jeder packt seine eigenen Kinder ins Auto und weiter geht's bei strahlendem Sonnenschein durch eine Bilderbuchlandschaft. Fernpaß, Serpentinen.
Einige Bremsmanöver lassen unseren Sohn melden, der Tisch, auf dem er seine Utensilien liegen hatte, sei restlos abgeräumt. Kassetten samt Recorder liegen unten. Hinter Landeck fahren wir am türkisblauen Inn entlang bis Ried, schlängeln uns die nicht enden wollenden Serpentinen hoch nach Fiss. Die dünne Luft tut dem VW nicht gut. Ihm ist es zu heiß und er mag nicht mehr. Mit letzter Kraft schaffen wir die Hofeinfahrt zu unserer Pension. Endlich da!
Ende des Berichts.
Das Dorf liegt auf einem sonnenverwöhnten Hochplateau im Oberinntal, eingebettet in eine umwerfende Gebirgslandschaft, die rechts und links des Inn hoch aufragt. Der Furgler ist der Hausberg. Aber auch der Sattelkopf oder das Schönjoch strecken majestätisch ihre Gipfel in den Himmel. Im Sommer blühen die Wiesenblumen und verströmen einen einzigartigen Duft. Und dann gibt es da eine Ruhe, die sich sofort auf uns überträgt.
Im ersten Sommer sind wir viel gewandert, haben gegrillt, gespielt, gelacht. Einmal sind wir nach Serfaus gelaufen, mit der Sesselbahn hinaufgefahren, über den Berggrat gewandert und unterhalb des Furgler wieder abgestiegen. Zwischendurch mußten wir uns natürlich stärken. Wir hatten ein großes Stück Käse, Kaminwurzen" und Platzerl" mitgenommen, dazu tranken wir das Wasser des Gebirgsbaches, der vor unseren Füßen entlang ins Tal gluckerte und einen guten Wein. Eine weitere Wanderung haben wir zur Landecker Skihütte unternommen und dort übernachtet. Der Hüttenwirt und Freunde von ihm waren auch anwesend. Er schenkte uns immer wieder von einem Wein ein, der uns noch lange in Erinnerung bleiben sollte. In der Hütte gab es nur zwei Schlafräume. In dem einen schlief der Hüttenwirt, in dem anderen die Gäste, in dem Falle wir. Geschlafen wurde auf zwei Stockbetten, jeweils für acht Personen gedacht. Es war eine lustige Angelegenheit.
Unserer Pension gegenüber stand damals noch ein alter Heuschober. Davor stand eine alte Bank, auf der man sich in der Mittagszeit herrlich sonnen konnte. Inzwischen hat man das alte Holzhaus abgerissen und an seine Stelle ein großes Ferienhaus erbaut. So hat sich überhaupt seit damals manches verändert, und der dörfliche Charakter ist durchzogen mit städtischem Flair. Auch in unserer Pension hat sich manches getan. Aus großen Schlafräumen mit einer Toilette auf dem Flur wurden komfortable Zimmer und Appartements. Und man bietet noch einen weiteren Komfort an: eine Sauna. Sie ist zwar klein, aber für die verspannten Muskeln nach einer Wanderung oder einem Skitag ist sie allemal ausreichend.Seit einigen Jahren können die Kinder im Sommer Ponyreiten, und für die ganz Kleinen gibt es Spielgeräte, Klettergerüste, Rutschen und Schaukeln. Im Stall stehen Lamas, Kühe und Kälber. Wir sehen, daß wir uns auf einem Bauernhof befinden. Und die wuschelige Katze, die sich gerne auf der Außenfensterbank ausruht, gehört zum Bild dazu.
Doch so schön es auch im Sommer in Fiss ist, der Winter ist die Hauptsaison. Dann liegt der Ort oft monatelang unter einer dicken, weißen Schneepracht. Viele Lifte bringen die Skifahrer, Snowboarder, Skibobfahrer und Schlittenlenker auf die Höhe. Etwa 400 m oberhalb des Dorfes sind die Möseralm und die Kuhalm die nächsten Einkehrstationen. Etwas weiter oben liegt die Mittelstation Steinegg auf halber Strecke zum Schönjoch. Und auf dem Grat des Schönjochs befindet sich das höchstgelegene Lokal. Von hier kann man die Nordseite befahren, die bis in den späten März, manchmal bis in den April hinein, schneesicher ist. Hier sind noch die meisten Schlepplifte.
Aber es gibt auch hier einen Viererlift, der zum Zwölferkopf führt. Von dort hat man eine wunderschöne Abfahrt bis zur Schöngampalm, die oberhalb des Urgtales liegt. An Sonnentagen, die hier sehr häufig sind, kann man sich an einer der Almen gemütlich zum Après-Ski in die Sonne legen und auftanken (in jeder Hinsicht).
Von der Mittelstation führt eine Traverse zur Möseralm. Von dort kann man bis zur Talstation fahren, oder man besteigt einen der Viererlifte, die die anstrengenden Schlepplifte ersetzt haben. Einer führt hoch auf den Sattelkopf. Von da aus gibt es inzwischen die Skischaukel nach Serfaus.
In unserem Gepäck haben wir immer auch die Wanderschuhe. Wenn die Schneeverhältnisse es zulassen, laufen wir gerne durch Wald und Wiesen nach Serfaus und fahren dort mit der U-Bahn in den Ort. Oder wir wandern auf unterschiedlichen Wald- und Wiesenwegen nach Ladis, das etwas unterhalb von Fiss liegt. Von Zeit zu Zeit lockt uns auch die Grillalm. Auch sie liegt etwas unterhalb unseres Ferienortes, bietet den Abendgästen ab einer bestimmten Uhrzeit einen kostenlosen Taxiservice zurück in den Ort.
In Fiss gibt es eine ganze Reihe guter Lokale, die sich in Ausstattung und Gemütlichkeit geradezu überbieten. Sicher findet hier jeder etwas für seinen Geschmack. Wir haben schon einige der Gaststätten besucht (manche wechseln die Besitzer mit den Jahren, andere schließen, dafür sind plötzlich neue Gaststätten, Pubs, Bars, Pizzerien da). Im Großen und Ganzen sind wir vom ersten Urlaub an unserem Stammlokal treu geblieben.
Früher gab es mehrere Lebensmittelgeschäfte im Ort. So nach und nach haben alle aufgesteckt. Zum Glück gibt es jetzt einen neuen Supermarkt mit einem guten Sortiment, so daß die Mieter von Ferienwohnungen ihren Lebensmittelnachschub (und vor allem frische Ware) auffüllen können.
In diesem Jahr waren wir Ende März mit Tochter, Schwiegersohn, Enkelkind, der Schwester vom Schwiegersohn und deren Freundin in Fiss. Auf der Fahrt durch das Gebirge gab es nur vereinzelte Stellen mit Schnee, und die meist auf den Nordseiten der Berggipfel. Enttäuschung stand auf den Gesichtern der jungen Leute, von denen zwei den Ferienort nicht einmal kannten und sich uns angeschlossen hatten in der Hoffnung, in Fiss so richtig schön Skilaufen zu können. Wir waren noch nie so spät in den Wintersport gestartet und wußten daher auch nicht, was uns erwartete.
Die Serpentinen waren schneefrei, der Ort von frühlinghafter Luft umhüllt. Doch zum Glück lag ein wenig oberhalb des Ortes noch Schnee. Die Hauptpiste oberhalb der Möseralm konnte man noch befahren, doch die Sonne, die den Hang beschien, war zu intensiv, als daß der Schnee ihr hätte widerstehen können. Mittags war er so weich, daß manch einer das Fahren aufgab und sich lieber dem Après-Ski widmete. Auf der Nordseite war die Schneequalität zunächst noch besser. Doch auch da merkte man den heranziehenden Frühling. Das Wetter spielte verrückt. Wir sahen im Wetterbericht, wie ganz Norddeutschland im Schneechaos erstickte, und auf der Höhe von mehr als 2.400 m waren es + 5 °C. Für die ausgemachten Skifreaks war das natürlich eine Katastrophe. Wir konnten es nicht ändern. Während es an zwei Tagen im Ort nieselte, stürmte es in der Höhe. Dann hüllten sich die Gipfel der Berge in Wolken, um anschließend in frischem Weiß zu erstrahlen und den Skifahrern noch einmal das Herz zu erfreuen.
Wir haben wieder einmal eine schöne Zeit in Fiss verbracht, das uns in all den Jahren beinahe zur zweiten Heimat geworden ist, nicht zuletzt wegen der liebevollen Betreuung unserer Pensionsfamilie, die uns zu Freunden wurde.