Mit dem Kinderroller durch die Eifel

Im Jahre 1957 war meine Erstkommunion. Da saß die ganze Verwandtschaft zusammen und feierte. Zu später Stunde kam das Gespräch auf einen Traum, den mein Vater schon lange hegte: er wollte von seiner Heimatstadt Aachen aus eine Wanderung quer durch die Eifel bis zur Ahr machen. Und da ich ja bereits ein großes Mädchen war, wollte er mich mitnehmen. Es wurde geplant, daß wir in einem Zelt übernachten würden. Mein Kinderroller sollte das Zelt aufgepackt bekommen. Auf diesem Gepäckstück könnte ich, wenn es bergab ging, sitzen. Nachdem meine Mutter, die während dieser Zeit das Geschäft in Koblenz allein führen musste, nichts dagegen hatte, stand unserem Abenteuer nichts mehr im Wege. Ich wartete sehnsüchtig auf die nächsten Sommerferien � und dann ging es endlich los!

Zunächst einmal mussten wir mit dem Zug nach Aachen fahren. Wir übernachteten bei meinem Opa. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem Bus nach Röttgen.

Und dort begann unsere einwöchige Wanderung. Bergauf und bergab marschierten wir. Das größte Vergnügen für mich bestand im Bergabfahren. Die meist schon sehr gut ausgebauten Straßen waren noch leer, und ich hatte sie für mich. Hui, bekam ich da manchmal ein Tempo drauf. Und mein Vater schob dann den Roller mit dem gepackten Zelt auf dem Gepäckträger die Berge wieder hoch. Wir marschierten und fuhren so über viele Straßen und Wege, durchwanderten viele Orte, kauften in kleinen Läden unsere Lebensmittel ein und zelteten, wo man es uns gestattete. Oft stand unser kleines Zelt in Vorgärten von Bauernhöfen, auf Wiesen oder auf Grasstreifen neben einer der zahlreichen Straßen, auf denen wir gekommen waren.

Am nächsten Morgen packten wir dann unser Zelt wieder zusammen, verstauten es auf dem Roller, zahlten dem Bauern eine Kleinigkeit und machten uns wieder auf den Weg. Manch einer der Bauern lud uns auch zu sich in die Küche ein, damit wir dort frühstücken konnten. Wir durften die Toilette benutzen oder das Plumpsklo. Und für die "Katzenwäsche" durften wir auch den Brunnen benutzen. Die meisten hatten nur Angst, wir würden durch eine brennende Zigarette vielleicht die Wiesen in Brand stecken. Aber da konnte mein Vater sie beruhigen. Er rauchte nicht und machte kein offenes Feuer.

An einer der vielen Hauptstraßen, die auf eine Kreuzung zulief, kamen wir nur langsam voran, weil sie gerade neu gebaut wurde. Mein Vater schob den Roller, weil es mal wieder aufwärts ging. Während die Arbeiter mit röhrenden Maschinen über den Straßenbelag fuhren, mussten wir durch den Dreck neben der Straße gehen.

An der Kreuzung sahen wir ein großes Restaurant und freuten uns schon darauf, ein gutes Mittagessen zu bekommen. Ein bisschen verstaubt, wie wir nun einmal waren, betraten wir den Innenraum des Lokals. Es herrschte gähnende Leere. Nur an ganz wenigen Tischen saßen Gäste. Aber sofort, als man uns reinkommen sah, stürzte die Bedienung des Lokals auf uns zu. Leider hätten sie keinen Platz mehr für uns. Nein, die noch leeren Tische würden gleich mit einer Gesellschaft besetzt werden. Und die Gäste an den Tischen begutachteten uns, und ihre Augen gingen von oben nach unten und zurück, blieben in unseren Gesichtern hängen, die inzwischen bei mir vor Angst, bei meinem Vater vor Wut rot angelaufen waren.

Wir sahen für die Bedienung des Lokals wahrscheinlich zu arm aus mit unserer verstaubten Kleidung. Obwohl mein Vater mir zuliebe versuchte, die Bedienung davon zu überzeugen, dass wir auch bezahlen könnten, wurden wir mehr oder weniger rabiat rausgeworfen.

Das hatte mich schockiert, und ich grübelte darüber nach, ob sie wirklich nur Leute bedienten, die nach "Etwas" aussahen. Ich konnte einfach nicht verstehen, dass sie uns nichts geben wollten. Und das alles, weil unsere Kleidung etwas staubiger war, als wenn wir mit dem Auto bis vor die Türe gefahren wären? Es war das erste Mal, dass ich so etwas erlebt hatte und empfand so etwas wie Scham, obwohl nicht ich mich hätte schämen müssen. Es war einfach ein entwürdigendes Gefühl, ohne Grund auf die Straße gesetzt zu werden.

Wenn ich heute mit dem Auto an diesem Haus vorbeifahre, muß ich immer an die damalige Situation denken. Und dann kriecht das gleiche Angstgefühl wieder in mir hoch. Bisher war ich noch nicht wieder in dem Lokal, obwohl dort inzwischen sicher ein anderer Besitzer "herrscht".

Wandern war in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts nicht modern, und wir wurden oft mit schrägen Blicken bedacht. Man fuhr entweder Auto, wenn man es sich leisten konnte, oder wenigstens eine Vespa. Wer wollte da schon wandern, wenn es bequemere Möglichkeiten der Fortbewegung gab? Vielleicht hätten wir uns ein Schild umhängen sollen, dass wir zu Hause einen Opel Olympia in der Garage stehen haben.

Weil wir nichts zu essen bekommen hatten, blieb uns für diesen Mittag nur noch unsere Notverpflegung. Wir gingen bzw. fuhren in eine kleine, bewaldete Seitenstraße, die oberhalb einer Forellenzucht lag und machten ein Picknick. Da wurde die Dose mit Ölsardinen geöffnet, das letzte Brot dazu gegessen, und zum Runterspülen des harten Brotes etwas Dosenmilch angeboten.

Den Geschmack von Dosenmilch kann ich seitdem nicht mehr ausstehen.

Irgendwann an einem Abend hatten wir das Kloster Maria Wald erreicht. Direkt zwischen der Zufahrtsstraße zum Kloster und einem eingezäunten Feld, direkt unter den Alleebäumen, bauten wir unser Zelt auf. Das war immer sehr schnell geschehen. Da unser Zelt nur einen Gummiboden und wir keine Luftmatrazen oder Isomatten hatten, mussten wir jeden Abend zur Isolierung gegen die Kälte des Bodens Heu oder Stroh sammeln oder Ginster rupfen. Hier war die Möglichkeit, unter dem Zaun mit ausgestreckter Hand etwas vom Heu als "Isolierschicht" zu holen. Alles, was in der Nähe des Zaunes war, wurde eingesammelt und unter den gummierten Zeltboden geschoben. Ein Mönch, der auf dem Feld arbeitete, beobachtete uns. Als ich meinem Vater sagte, daß ich Angst hätte, der Mönch würde gleich kommen und mit uns schimpfen oder uns sogar wegschicken, sagte er, der Mönch gehöre dem Orden der Trappisten an und er dürfe nur dann sprechen, wenn man ihn ansprechen würde. Und das würden wir doch nicht tun, oder? Er grinste breit und wir hatten eine gute Nacht neben der Straße, die zum Kloster führte.

Das Frühstück am nächsten Morgen nahmen wir mit vielen Pilgern gemeinsam in einem riesigen Saal ein. Da standen lange Tische und Bänke. Große Metallkannen mit labberigem Inhalt, das sollte wohl Tee oder Muckefuck sein, standen zur Selbstbedienung da. Wir waren trotzdem froh über die Möglichkeit, das Frühstück in einem warmen Raum einnehmen zu können und marschierten gestärkt weiter.

Eines der interessantesten Erlebnisse, das für mich nicht erklärbar war, erlebte ich an einem der nächsten Abende. Wir zelteten auf einer Wiese, irgendwo mitten in der Landschaft. Uns war dummerweise das Wasser ausgegangen und der nächste Ort war ziemlich weit weg. Hinter dem Zelt waren einige Felsen, die mit Moos überwachsen waren. Mein Vater ging zu den Felsen, kratzte ein bißchen daran herum und plötzlich lief Wasser in dünnem Rinnsal den Felsen herab. Ich lief mit dem Deckel meiner Butterbrotsdose aus Aluminium hin und fing schnell von dem Wasser auf, weil ich dachte, das ist gleich wieder zu Ende. Aber am nächsten Morgen hatten wir immer noch genug zum Trinken. Seitdem nannte ich meinen Vater Moses, der nur einmal gegen den Fels klopfen brauchte und dann Wasser hatte. Es war wirklich wohlschmeckendes, ganz frisches Wasser. Wieso er ahnte, dass dort irgendwo eine Quelle wäre, hat er nie verraten. Jedenfalls lachten wir noch Jahre später über dieses Erlebnis.

Das Wandern mit meinem Vater während der Ferien war für mich das Allerschönste, weil er endlich einmal nicht durch das Geschäft eingespannt war und Zeit hatte. Aber auch die Fahrerei mit dem Roller machte mir riesigen Spaß. Ich genoss es, wie nie etwas zuvor. Bergauf schob mein Vater den durch das Zelt ziemlich schweren Roller, bergab fuhr ich. Ich setzte mich bequem auf das verschnürte Zeltpaket und ließ den Roller einfach nur laufen. Weil ich durch die Geschwindigkeit manchmal stark bremsen musste, und als Verstärkung der Rollerbremsen meine Schuhe einsetzte, waren die Sohlen meiner Wanderschuhe nach der Haelfte der Strecke durchgescheuert.

Von da an suchten wir in jedem Dorf, das wir durchwanderten, nach einem Schuhgeschäft oder zumindest einem Geschäft, dass auch Schuhe verkaufte. Und dann fanden wir tatsächlich eines. Aber das Angebot war so altmodisch, dass ich am liebsten wieder rausgegangen wäre. Weil ich mit meinen Schuhen aber nicht mehr laufen konnte, musste ich eben ganz furchtbar häßliche, aber dafür imprägnierte und bequeme Schuhe nehmen.

Nach einer Woche wandern kamen wir an der Ahr an. Es war gewittrig, der Himmel hatte sich an einer Stelle schwarz gefärbt. Deshalb fragten wir nach einer Übernachtungs-möglichkeit in der Jugendherberge. Aber da sagte man uns, dass das ohne Ausweis nicht möglich wäre. So liefen wir trotz immer stärker werdendem Regen weiter. Wir waren ja Optimisten und hatten die Hoffnung, dass es irgendwann vor Tagesende schon wieder aufhören würde. Aber das Wetter tat uns den Gefallen nicht. Als wir einen Brückenbogen sahen, unter dem wir uns unterstellen konnten, warteten wir dort den dicksten Gewitterregen ab. Und dann kam sogar noch einmal ganz kurz die Sonne raus. Aber zum Zelten waren die Wiesen zu nass. Also marschierten wir weiter bis Ahrdorf.

Da wollte gerade ein Bauer ein Schild heraushängen, auf dem "Zimmer frei" stand. Mein Vater sagte ihm, er könne es gleich wieder reintun, wir brauchten ein Zimmer. Der Bauer wollte erst nicht glauben, dass er so schnell sein Zimmer vermieten könnte, nahm dann aber grinsend das Schild mit ins Haus. Er lud uns ein zu frischer Milch, selbstgemachter Butter und frisch gebackenem Brot. Das Abendessen bei der Bauernfamilie war unvergesslich. Das war Genuß pur.

Das Zimmer hingegen war sehr einfach. Die Toilette war außerhalb des Hauses und man musste sich gut überlegen, ob man musste oder nicht. Als Waschgelegenheit gab es einen Krug mit Wasser und eine Schüssel auf einem Schrank, der mit einer weißen Marmorplatte geschützt wurde. Meine Frage, ob ich zuerst oder zuletzt die Zähne putzen sollte, und die Schwierigkeit, so überhaupt die Zähne zu putzen, ließ uns aus dem Lachen überhaupt nicht mehr herauskommen. Ich weiß nicht mehr, ob ich die Zähne an dem Abend geputzt habe oder nicht. Aber den Spaß bei diesem Problem werde ich nie vergessen.

Der nächste Tag war Samstag, und meine Mutter kam mit dem Zug nach Ahrdorf, um mit uns gemeinsam am nächsten Tag nach Hause zurückzufahren. Der Abend mit ihr wurde mir zum unvergesslichen Erlebnis. Wir waren am späten Nachmittag auf einen Berg gestiegen. Das Dorf lag uns zu Füßen. Wir saßen auf einer Bank, und mein Vater, der gerne und gut sang, stimmte ein Lied nach dem anderen an. Meine Mutter und ich sangen kräftig mit. Als wir später zum Abendessen wieder ins Dorf zurückgingen, unterhielten sich die Leute darüber, wer wohl so schön auf dem Berg gesungen hätte. Wir grinsten uns nur an und hatten viel Freude über die Spekulationen, die angestellt wurden. Die darauffolgende Nacht verbrachten wir im Hotel und sonntags war dann unsere einwöchige Wanderung endgültig zu Ende.

BMF (aufgeschrieben 2005)

Home