Das Zusammenspiel
Die
Adventszeit war eigentlich wie immer. Nur ein wenig ruhiger als in
den früheren Jahren. Aber das lag sicher daran, daß keine
Kinder mehr zum Haushalt gehörten und wie früher bei den
Weihnachtsvorbereitungen in der Küche herumwuseln und helfen
wollten.
Es
hatte immer viel Freude gemacht, gemeinsam mit den Kindern
Weihnachtsplätzchen zu backen. Mit großem Eifer hatten sie
den Teig geformt, ausgestochen und mit Eigelb oder Marmelade
bestrichen, und immer wieder waren kleine Teigstückchen in den
Mund gewandert. Während des Backens hatten sie die Plätzchen
durch die Glastüre des Backofens beobachtet, ungeduldig
zugesehen, wie sie sich in der Hitze des Ofens entwickelten, um
anschließend die abgekühlten Kunstwerke schon einmal vorab
zu probieren. Und wie groß war für die Kinder die Freude,
sich für die Eltern, Großeltern und Geschwister
Überraschungen auszudenken, womit sie sie Weihnachten beschenken
konnten. Wenn sie nach vielen Überlegungen wußten, was sie
schenken wollten, wurden die Geschäfte nach dem günstigsten
Angebot abgesucht, damit das Taschengeld auch reichte. Manches
Geschenk wurde aber auch selbst fabriziert. Kleiderbügel wurden
behäkelt, Küchenbrettchen mit der Brennnadel beschriftet
oder aus einem buntbemalten Sperrholzbrett mit kleinen Haken ein
Schlüsselbrett gefertigt. All die Mühe und Arbeit sollte
den Beschenkten Freude bringen. Aber die Mühe der Herstellung
brachte auch denjenigen selbst große Freude, die sich die
Arbeit machten. Waren dann endlich alle Geschenke gekauft oder
gebastelt oder gehandarbeitet, kam die Auswahl des Geschenkpapiers.
Mit viel Sorgfalt wurden die Päckchen gepackt, mit goldenem Band
verschnürt, Namensschildchen ausgeschnitten und angebunden. Dann
lagen die verschnürten Geschenke bis Weihnachten auf dem
Schrank, und jeden Tag wuchs die Aufregung der Kinder, was sie denn
selbst vom Christkind bekommen würden und ob vielleicht auf dem
Schrank auch für sie schon ein mit viel Liebe gepacktes Geschenk
warten würde. Mit Herannahen des Festes wurde die Unruhe der
Kinder immer größer und es fiel ihnen oft schwer,
Geheimnisse nicht zu verraten.
Bis
auf die Mithilfe der Kinder war die Adventszeit also eigentlich wie
immer. Nur etwas ruhiger, besinnlicher. Und doch, selbst wenn am
Nachmittag die brennende Kerze auf dem Tannengrün des
Adventskranzes für entsprechende Stimmung sorgte, der Duft des
Lebkuchens und der frischgebackenen Plätzchen durch die Räume
wehte, fehlte etwas. War es das Einüben der Weihnachtslieder mit
Flöte und Klavier, war es das gemeinsame Spiel, das fehlte, das
Zusammenspiel nicht nur der Instrumente? Über viele Jahre
gehörte es zum gemeinsamen Leben, zur Vorweihnachtszeit und zu
Weihnachten.
Die
Vorbereitungen für das Weihnachtsfest gingen weiter. Die
erwachsenen „Kinder” wollten zu Weihnachten „nach
Hause” kommen. Ein Bäumchen war schon ausgesucht, und
obwohl eigentlich ein Baum mit Ballen gekauft werden sollte, den man
im nächsten Jahr wieder ausgraben und als Weihnachtsbaum nutzen
könnte, ließ man sich wieder einmal zu einem
Abgeschlagenen verführen. Mit Ausnahme von zwei Spitzen war er
sehr schön geformt, hatte ausladende Äste, auf denen sich
die filigranen, goldenen Kugeln und die schönen Sterne und
Zapfen gut aufhängen ließen. Die zweite Spitze wurde
kurzerhand abgeschnitten und auf die nunmehr einzige Spitze eine
Zierspitze gesetzt. Als die Kerzen, die auf den äußeren
Enden der Zweige aufgesetzt wurden, ihr sanftes Licht in den Raum
ausstrahlten, wuchs die Vorfreude auf das Fest.
In
der Erinnerung ertönte das Lachen der Kinder, man sah wieder die
leuchtenden Augen, die den festlich geschmückten Baum wie beim
ersten Mal bewunderten, beobachtete ihre Suche nach dem Stall und den
Figuren, die immer unter dem Baum angeordnet waren.
Unser
Jesuskind hatte damals in der Weihnachtszeit keine ruhige Zeit. Es
lag nie lange in der Krippe. Es wurde immer wieder herausgenommen,
herumgetragen. Auch die anderen Figuren wurden immer wieder
umgestellt. Josef stand manchmal neben Maria, dann sahen sie beide
auf das Kind, ein andermal stand er zwischen Maria und den drei
Weisen, die mit gesenkten Köpfen und demütigen Blicken vor
dem Stall standen und anscheinend darauf warteten, dem Kind ihre
Gaben überreichen zu dürfen.
Die
Weihnachtsgaben für die Familie sind bereits besorgt. Die
Planung, was man denn als Festessen kochen könnte, ohne die
Hälfte der Zeit mit der Vorbereitung für die Mahlzeiten zu
vergeuden, beansprucht einige Tage. Es sollte jede Minute sinnvoll
genutzt werden, in denen die Kinder zu Gast sind. Das Geeigneteste
ist daher ein am Tisch zu bereitendes Essen wie Fondue oder Raclette.
Niemand braucht dann in der Küche zu stehen, während die
anderen schon beim gemütlichen Schwätzchen sitzen. Außerdem
würde es sehr kommunikativ sein, da immer irgendetwas quer über
den Tisch weitergereicht werden müßte.
Die
Zeiger der Uhr machen ihren Weg. Die Vorbereitungen sind
abgeschlossen. Die Weihnachtsdecke auf dem Wohnzimmertisch sind durch
die bunten Teller beinahe zugedeckt. Der Weihnachtsbaum erstrahlt in
festlichem Kleid. Die Türklingel läutet. Die Kinder sind
angekommen. Jeder wünscht jedem „Frohe Weihnachten”
und die Umarmungen sind herzlich.
Schon
während der Mahlzeit beginnen die schönsten Gespräche.
Es ist so, als hätte man die Zeit wieder zurückgedreht, es
wird gefrotzelt und gelacht, gealbert und philosophiert, und obwohl
es beinahe so ist wie früher, ist man sich doch bewußt,
daß es nie wieder so sein wird, weiß, daß die Zeit
in einer unglaublichen Geschwindigkeit weiterläuft, während
man in gemütlicher Runde zusammensitzt und ißt und trinkt
und erzählt. Und es ist wichtig, daß man erzählt. Man
erzählt vom Leben, das weit fort von den anderen gelebt wird,
von dem die anderen nur noch Bruchstücke mitbekommen, von einen
Leben, über das die anderen vor allem durch das Telefon
unterrichtet sind, und man lobt die technische Errungenschaft der
Herren Bell und Reis, die die kluge Eingebung einst genutzt und
umgesetzt haben. Und man teilt sich mit und erinnert sich an frühere
Weihnachtsfeste, an die Feste der Kindheit und wie man sie empfunden
hat. Und man spürt, wie eng man einander noch immer verbunden
ist und ist glücklich darüber, daß es so ist.
Während
der Kaffeeautomat leise vor sich hinröchelt, erklingen auf
einmal aus dem Gästezimmer, in dem die Musikinstrumente
aufbewahrt werden, zwei Flöten. Es ist das altbekannte
Zusammenspiel zweier Instrumente in dem Bemühen um Harmonie. Das
Spiel gehört zu Weihnachten dazu und man erahnt, oder vielleicht
ist es auch mehr als Ahnung, daß hier der Funke des
Weihnachtsgedankens vom Frieden auf Erden übergesprungen ist.
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