Traumwirklichkeit



Sie empfand mit Erschrecken, das ihr das Leben davonlief, langsam, aber gleichmäßig und unerbittlich. Es gab da einen nicht zu verändernden Takt, Tag für Tag, Nacht für Nacht. Irgendetwas in ihr lief, rann, zerrann, unaufhaltsam. Gedanken strömten ihr durch den Kopf, belastende, reinigende. Sie warfen Falten und zogen Fäden, Tag für Tag und Nacht für Nacht. Wassertropfen sammelten sich in ihr, Drüsen quollen über. Freude und Kummer verwoben sich. Schlaf legte seine besänftigende Decke gütig über sie, ließ eine andere Welt zu, zeigte Varianten auf, Entwürfe für die Zukunft, die sie ängstigte.

Träume nahmen sie gefangen, schützten und ermutigten sie auf einer unterschwelligen Ebene. Beim Erwachen zogen und zerrten ihre Empfindungen an den Fetzen des Traumes. Sie wollte ihn in die Länge ziehen, sich einweben in seine Fäden, ihn sich wie einen Kokon umlegen, um sich noch eine Weile vor dem Alltäglichen zu schützen. Sie wollte ihn noch nicht, den neuen Tag, wollte im Nachtzustand verharren.

Sie spürte noch seinen Atem auf ihrer Haut, seine Berührungen, unter denen sie sich gewunden hatte, sah noch den Blick seiner Augen, die wissend auf ihr geruht und tief in sie eingedrungen waren. Das Ziehen in ihrem Unterleib ließ sie noch spüren, was geschehen war. Ihr Schoß war noch immer weit geöffnet für den fremden Mann, der ihr so vertraut war, dem sie sich wieder und wieder mit Freuden hingeben würde, weil er ihre Seele kannte.

Durch die Rolladenschlitze drang das Grau des neuen Tages, mahnte zum Aufgeben der zarten Umarmung der Nacht, trennte mit seinem werdenden Licht die feingesponnenen Traumfäden auf. Sie stand auf, nahm noch den Rest der Nacht mit sich ins Bad. Wie ein Schleier lag das Erlebnis in ihren Augen, die die Wirklichkeit des Jetzt noch nicht erfassen wollten, die sich weigerten, fortzufahren im Üblichen, Bekannten, Vertrauten. War denn die Nacht mit ihren eigenen Bildern nicht auch ein Teil von ihr, vielleicht sogar der realere Teil? Der Teil, der Gefühle uneingeschränkt zuließ, wie sie sie gerade erlebt hatte? Sie fühlte die Wärme in sich hochsteigen, sehnte sich das Erleben zurück. Schmerzliches Verlangen drängte in ihrem Körper. Sie wußte, sie wollte das Erlebnis der vergangenen Nacht wiederholen, wollte teilhaben an der Existenz ihrer anderen Wirklichkeit, die sie so tief erfaßt hatte. Keine Macht könnte sie daran hindern, sich wieder und immer wieder in ihre innere Welt zurückzuziehen.

Bilder aus der Vergangenheit stiegen in ihr hoch. Sie erkannte, daß sie als Kind viel Übung darin gehabt hatte, sich wann immer sie wollte, aus dem Alltag auszuklinken und sich in ihre eigene Welt zurückzuziehen. Nur dort hatte sie sich wohlgefühlt, verstanden von den anderen Wesen, die in der Traumwelt waren, die ihr Leben dort mit ihr teilten. Dort war sie mutig gewesen, beliebt, anerkannt. Jetzt erst wurde es ihr wieder bewußt, wie sehr sie die andere Welt vermißt hatte, in die sie bei Bedarf abtauchen konnte, unerreichbar für Sorgen und Probleme.

In ihrer Entschlußlosigkeit sah sie ungewollt in den Spiegel. In diesem kurzen Moment zerriß endgültig der nächtliche Schleier. Im Spiegel erkannte sie den neuen Tag, zeigte er ihr doch überdeutlich, daß sie, eine Frau im fortgeschrittenen Alter, sich ihre Phantasien abschminken und die gewohnte Fassade für die Umwelt aufschminken mußte. Wie hatten so viele Jahre wie Tropfen auf heißen Steinen zergehen können? Waren sie nicht stark genug gewesen, sich zusammenzuschließen zu einem Bach, zu einem Fluß oder Strom, der dem Meer des Lebens Nahrung gibt? Unbemerkt waren sie zergangen, hatten sich aufgelöst in alltäglicher Aneinanderreihung.

Hinter dem Fenster entschwebte das Grau. Die Sonne kündigte mit hellem Licht den neuen Tag an. Er könnte Veränderung bedeuten, Neuanfang. Die Chance, noch einmal beginnen zu können. Die Jahre konnten nicht ausradiert werden. Sie waren gelebt, erlitten, genossen, ausgenutzt, vergeudet, abgehakt. Nichts davon würde sich genau so wieder abspielen. Das alte Stück könnte nur abgesetzt werden. Die gleiche Mannschaft würde nur neue Rollen einstudieren, trüge andere Kostüme, spielte vielleicht leichter, bewußter, lebendiger.

Während sie noch immer ihren Gedanken nachhing, spiegelte sich inzwischen der aufgeblühte Sonnenball in der Fensterscheibe. Heller Glanz drang in den Raum, verdrängte die Nacht für einen Wimpernschlag und veränderte sie, und als die Welt wieder im Dunkel versank, spiegelte sich das Innenleben in der Fensterscheibe.





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