Der Spiegel
Es war Sommer. Sie hatten die schmale Straße gerade neu geteert und noch nicht für den Autoverkehr freigegeben. Viele staubige Wochen lang hatte die Planierraupe ihr Rippenmuster im Sand hinterlassen. In den letzten Tagen waren die Teerkocher am Werk gewesen. Stundenlang war das stinkende Gefährt über seinen schwarzen Auswurf gekrochen und hatte ihn plattgewalzt. Immer wieder und immer wieder. Vielleicht war der Meister am Steuer des Fahrzeugs einmal eingenickt, oder er hatte dem Lehrling das Führen überlassen. Jedenfalls gab es an einer Stelle eine Senke. Nicht sehr tief, nicht sehr breit oder lang. Solange der neue Straßenbelag trocken war, hatte man sie auch nicht sehen können. Aber heute hatte es geregnet. Ein schöner, kräftiger Gewitterregen hatte die stickige Luft, in der die Teerpartikel noch zu hängen schienen, heruntergewaschen. Und nun war sie da, die Pfütze. Sie lag direkt am Straßenrand und zog sich ein Stückchen weit zur Fahrbahnmitte. Ein kleines Mädchen entdeckte sie als erstes und lief hin. Interessiert beugte es sich über das Naß und umrundete es. Das Kind beobachtete darin verzaubert den grau-blau-schwarzen Himmel und die Wolken, die sich langsam vorwärts schoben, bis sie seitlich aus dem Spiegel heraustraten und verschwanden. Neue Wolken schoben nach auf die Spiegelfläche. Plötzlich riß das Mädchen den Blick los, hob den Kopf und schaute zum Himmel hinauf, als wolle es die Bilder vergleichen. Und als ob es nicht genug sehen könnte, ging das Kind in die Hocke, beugte sich dicht über das Wasser, stand wieder auf, tänzelte mit leichten Schritten um die Senke. Dabei hielt es den Kopf so, daß es jede seiner Bewegungen im Wasser beobachten konnte. Dann hielt es inne, bückte sich nach vorne, schnitt eine Grimasse, hielt sich beide Hände wie Hasenohren über den Kopf und streckte sich selbst die Zunge heraus. Lange beschäftigte sich das Kind mit dem einfachen Spiel, bis es offensichtlich genug davon hatte. Dann stand es auf, hüpfte auf den Bürgersteig, schwang mal das rechte, mal das linke Bein nach hinten hoch und ballancierte dann auf der Bordsteinkante um die Straßenecke. Nach kurzer Zeit war es jedoch wieder da, an der Hand den kleineren Bruder, der ihr wie ein Zwilling glich. Das Mädchen führte den Kleinen zu der Pfütze und zeigte ihm, was es selbst entdeckt hatte. Begierig, alles zu sehen, von dem ihm erzählt worden war, umrundete auch er das Wasser und sah hinein. Doch er hatte nicht die gleiche Ausdauer zur Beobachtung wie seine Schwester, vielleicht nicht die Phantasie, die ihn länger gefesselt hätte. Als die Pfütze zwischen ihm und seiner Schwester lag, sah er etwas ganz anderes. Er verzog sein Gesicht zu einem schelmischen Grinsen, das jedoch von dem Mädchen sofort verstanden und erwidert wurde. Zur gleichen Zeit sprangen ein blaues und ein gelbes Stiefelpaar platschend in das Wasser, daß es hochspritzte. Sie erschraken beide darüber, aber nicht zu sehr. Das Wasser hatte den Stiefelrand nicht erreicht. Lediglich kleine, braune Spritzer klebten an der Kleidung. Langsam gingen die Kinder rückwärts bis zum Rand der Pfütze, blieben aber mit den Stiefelspitzen im Wasser stehen. Mit den wippenden Fußspitzen erzeugten sie leichte Wellen, und der gespiegelte Himmel wackelte.
Am nächsten Tag wurde die Straße für den Verkehr freigegeben. Der Bürgermeister sprach einige feierliche Worte, durchschnitt das Band, und unter dem Beifall der Zuschauer rollten die ersten Fahrzeuge langsam über den geteerten Belag.
Die Kinder wußten, daß sie ab jetzt nicht mehr in ihrer Pfütze würden spielen können. Trotzdem liefen sie jeden Tag hin und sahen nach, ob sie noch da war. Manchmal fuhr ein Fahrzeug zu dicht am Straßenrand, teilte die Pfütze mit den Reifen und ein Wasserschleier bestäubte den Gehweg.
Gegen Abend ließ der Autoverkehr auf der Straße nach. Da konnten sie Amseln und Spatzen beobachten, die sich über die gute Gelegenheit zum Baden und Trinken freuten und mit nassen Flügeln erschreckt aufflogen, wenn Fußgänger oder Autos ihnen zu nahe kamen.
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