Die Muschel


        Andrea hatte mich zum ersten Male zu sich nach Hause eingeladen.

        Beim Eintreten ihrer Diele sah ich mich aufmerksam um. Mein Blick fiel auf die wunderschönste Muschel, die ich jemals gesehen hatte. Sie lag wie ein Schmuckstück auf einem Jugendstil-Tischchen und erinnerte mich an eine lang zurück liegende Zeit. Während Anderea schon ins Wohnzimmer vorausgegangen war, nahm ich die Muschel vorsichtig zwischen meine Hände, hob sie hoch und legte die offene Seite an mein rechtes Ohr. Gefühle aus meiner Jugend durchströmten mich, als ich das Rauschen hörte. Wie lange war das her, daß ich am Meer dieses sanfte Summen vernommen hatte? Wie glücklich hatte ich die Situation noch in Erinnerung, bedeutete sie doch damals Freiheit, Ferien, von zu Hause weg zu sein, machen zu können, was ich wollte.

        Ich hatte gleich am ersten Tag Michel kennengelernt und mich Hals über Kopf in den braungebrannten, gutgebauten Jungen verliebt. Und vom ersten Tag an hatten wir uns zum Baden im warmen Meer getroffen. Welche Wonne war es gewesen, mit ihm durch die Wellen zu schwimmen, auf der Sandbank zu verweilen, die sich immer ein bißchen weiterschob oder dem Treiben der Seevögel zuzusehen. Eines Tages hatte Michel eine völlig unzerstörte Muschelschale gefunden und an mein Ohr gehalten. Ich hatte das geheimnisvolle Rauschen vernommen, von dem man sagte, daß nicht jeder verstehe, was es bedeute. Wie aufgeschlossen war ich damals für solche Geheimnisse gewesen, bereit, Neues zu entdecken, und irgendwann war es dann passiert. Die ewige Geschichte von Mann und Frau hatte in uns ihre Fortsetzung gefunden. Michel war mit mir zu einer kleinen Sandbucht geschwommen, die versteckt hinter einem Felsvorsprung lag. Sicher waren wir nicht die ersten Liebenden gewesen, die das schöne Fleckchen entdeckt hatten, und doch hatten wir uns wie Eroberer gefühlt. Der sonnengewärmte Sand hatte uns verlockt, uns in die Horizontale gezwungen, mit der Natur spielen lassen. Über uns war das tiefe Blau des unendlichen Himmels gewesen, das am Horizont überzulaufen schien. Das Rauschen der Wellen gegen die Felsen und das Schreien der Möwen hatten uns gegen den Rest der Welt abgeschottet. 'Le petit paradis' hatten wir unsere Bucht getauft. Herrliche Tage voller Entdeckerfreude und Leidenschaft hatten uns verbunden - bis die Ferien beendet waren.

        Ich hatte die Augen geschlossen, verspürte ganz intensiv dem Gefühl von damals nach. Was war wohl aus Michel geworden? Wir hatten niemals mehr voneinander gehört. Vielleicht sollte ich einmal meinen Urlaub dort verbringen?! Ob ich ihn noch erkennen würde? Würde er mich noch erkennen? Mein Herz klopfte laut bei der Vorstellung, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen. Ich riß mich in die Jetztzeit zurück. Behutsam legte ich die Muschel wieder auf das Tischchen und betrat mit einem Lächeln, in dem sich die Erinnerung spiegelte, das Wohnzimmer, wo Andrea bereits am gedeckten Kaffeetisch auf mich wartete.

Home