Glück im Sturm

Ein Herbststurm kündigte sich an. Die Äste der Bäume tanzten wild im stärker werdenden Wind. Die Ziegel auf den Hausdächern begannen zu klappern, und die Menschen auf den Straßen zogen die Köpfe ein. Wer einen Hut trug, hielt ihn krampfhaft fest oder trug ihn in den Händen. In den letzten Jahren geschah es häufig, dass im Herbst gewaltige Stürme über das Land rasten. Manchmal waren sie verbunden mit schweren Gewittern, bei denen der Horizont sekundenlang von grellen Blitzen erhellt war. Der Basston tiefgrollender Donner ängstigte die Menschen oft stärker als der Blitz. Wer immer sich beim Heraufziehen eines Gewitters zu Fuß auf den Strassen aufhielt, beeilte sich, schnellstmöglich nach Hause zu kommen.

Auch der Stadtpark leerte sich. Mütter sammelten ihre Kinder ein, die gerade noch auf den Spielplätzen ihrem Vergnügen nachgegangen waren. Jogger, die an strahlendhellen Sonnentagen immer wieder mal an einer besonders schönen Ecke des Parks stehen blieben, rannten wie um ihr Leben.

Trotzdem gab es Menschen, denen der Wetterumschwung nicht aufzufallen schien. Ein müder Obdachloser, der seine gesamte Habe in Plastikbeuteln mit sich führte, überprüfte die Abfallkörbe nach noch Nutzbarem und legte sich, als sich nichts für ihn Wichtiges fand, auf eine der Parkbänke, die Flasche mit Alkoholischem in der Hand.

Ein Liebespaar stand eng aneinander geschmiegt unter einer hohen Ulme. Sie sahen und hörten nur sich, hatten Zeit und Ort vergessen und versanken in Umarmung und Küssen. Sie wollten jede Sekunde auf die für sie sinnvollste Weise nutzen. Die Sehnsucht und das "Ich-liebe-dich" stand in ihren Augen, zeigte sich in ihren Körpern, die dicht an dicht gedrängt eine Einheit mit dem Baumstamm bildeten. Über ihnen heulte der Sturm in den Ästen, die Zweige schlugen gegeneinander, spielten eine besondere Art von Musik, bei der die Blätter die Opfer waren. Sie rissen ab und verwirbelten mit vielen anderen Blättern. Die Bäume beugten sich der Kraft des Windes, neigten ihre Kronen zur Erde. Doch die wenigen Parkbesucher schienen nichts von dem majestätischen Willen der Natur zu bemerken.

Das Gewitter war plötzlich direkt über ihnen. Ein greller Blitz erhellte den Park, ein ohrenbetäubender Donner folgte. Der Obdachlose schreckte aus seiner Lethargie auf. Die Flasche fiel ihm aus der Hand. Mühsam setzte er sich auf. Trauernd sah er die zerborstene Flasche auf dem Boden liegen. In ihren herausgelaufenen Inhalt hatte der Wind einen kleinen, weißen Schein geweht. Er griff danach, wie er es immer tat, wenn er vermutete, dass es für ihn noch von Bedeutung sein könnte. Durch die Gewitterwolken war es bereits zu dunkel, als dass er hätte erkennen können, was er gefunden hatte, und da außerdem seine Augen nicht mehr die Besten waren, steckte er den Schein einfach in seine löchrige Hosentasche.

Ein weiterer Blitz erhellte den Park und gleich darauf folgte ein riesiges Krachen. Der Obdachlose erhob sich mühsam und griff nach seinen Siebensachen.

Das verliebte Paar sah erschreckt auf und erkannte die Gefahr, in der es schwebte. Es nahm sich bei den Händen und lief von dem Baum fort. Im gleichen Moment krachte es. Ein Ast aus der Ulme traf genau die Stelle, an der die beiden noch wenige Sekunden zuvor gestanden hatten. Entsetzt sahen sie zurück und rannten los. Die Sicht war schlecht, und sie stolperten immer wieder über die vom Sturm abgerissenen dünnen Zweige, die riesigen Spinnen ähnelnd auf dem Weg lagen. Endlich erreichten sie ihr Fahrzeug. Atemlos und völlig durchnäßt ließen sie sich auf die Sitze fallen. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, welches Glück sie gehabt hatten, und sie begannen nicht nur vor Kälte zu zittern.

Der Obdachlose machte sich auf den Weg zum Obdachlosenheim, wo er die Nacht verbringen wollte. Er fror erbärmlich und das Wasser lief ihm in Strömen aus der Kleidung.

Am nächsten Morgen raffte der jetzt nüchterne Mann seine Habe wieder zusammen und ging langsam seines Weges. An einem Kiosk kaufte er sich eine Flasche Bier. Während er trank und es sich auf einem Mäuerchen bequem machte, fiel sein Blick auf eine Zeitung. Gleich auf der ersten Seite sprangen ihn die Lottozahlen an. Er erinnerte sich, am Vorabend einen Schein gefunden zu haben. Langsam kramte er das noch immer feuchte Papier aus seiner Tasche und bat den Kioskbesitzer, für ihn einmal nachzusehen, ob das vielleicht sein Lottoschein wäre. Er hatte in all den Jahren, in denen er beruflich und privat kein Glück mehr gehabt hatte, trotzdem nie die Hoffnung aufgegeben, dass sich das Leben für ihn noch einmal wenden könnte, und er wollte einfach daran glauben, dass das Schicksal es auch einmal mit ihm gut meinen könnte. Es hatte ihm den Schein doch in dieser verdammten Gewitternacht auch zukommen lassen. Der Kioskbesitzer wollte ihm den Gefallen tun, zog seine Brille aus der Jackentasche und setzte sie auf. Sorgfältig verglich er die Zahlen auf dem Schein mit denen auf der Zeitung. Der Obdachlose starrte ihn währenddessen beschwörend an. Als der Kioskbesitzer nicht gleich etwas sagte, wurde er ungeduldig:

"Wat ess jezz, hann isch wat gewonne?"

"Moment doch," sagte der andere, "immer langsam."

Dann kratzte er sich am Kopf und sah den herunter gekommenen Mann an.

"Mein Gott, ist das denn die Möglichkeit? Hat der Kerl doch wirklich sechs Richtige! Das gibt es doch gar nicht", staunte er, "krieg ich von dem Gewinn auch was ab?"

"Hann isch werklich gewonne?"

Der Obdachlose glaubte, der Mann mache nur einen Scherz auf seine Kosten. Aber der lachte ihm freundschaftlich zu und reichte ihm seinen Schein zurück.

"Wenn ich es dir doch sage! Meinst du, ich würde mich über dich lustig machen? Aber ganz ehrlich, ich habe noch keinen kennen gelernt, der mehr als vier Richtige hatte. Wahnsinn! Da hat es ja endlich mal den Richtigen getroffen. Sonst sch..... der Teufel doch immer nur auf den großen Haufen. Weißt du was, darauf gebe ich einen aus."

Und er nahm zwei Flaschen Bier, öffnete sie, reichte dem ungläubig dastehenden Mann eine Flasche und stieß mit seiner Flasche daran an.

"Prost, du Glückspilz, auf dein Wohl! Und versauf' nicht den ganzen Gewinn."

Die Sonne war über den Dächern der gegenüberliegenden Häuser aufgegangen und beschien die nicht alltägliche Straßenszene. Der Obdachlose hielt in der einen Hand die Bierflasche, in der anderen den feuchten, schmutzigen und verknitterten Lottoschein. Mit seinen schwachen Augen versuchte er die für ihn kaum sichtbaren Zahlen auf dem Papier zu lesen.

"Hann isch ehrlisch sechs Rechtije?!" fragte er immer wieder, und als er es endlich erfasst hatte, dass kein Zweifel daran bestand, dass der Schein genau in dieser Woche gültig war, und er im Leben wieder eine Chance haben würde, liefen ihm Tränen der Dankbarkeit und des Glücks über die zerfurchten Wangen.



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