Gewandte Verwandte

Marion hielt den Briefumschlag in der rechten Hand, die Einladungskarte in der linken. Die Einladung zum großen Geburtstagsfest von Onkel Josef verblüffte sie. Sie wollte sich nur ungern an ihn erinnern.Vor wenigen Jahren hatte Marion ihn beim Notar getroffen. Es ging um die kleinen Grundstücke, die schon ewig in Familienbesitz waren. Er wollte sie einem Bauern für einen Apfel und ein Ei verscherbeln. Als er hörte, daß Marion Interesse an den Grundstücken hätte, wurde der Preis sofort auf das Doppelte heraufgeschraubt. Onkel Josef kannte den Notar, hatte einen Vertragsentwurf mit ihm vorbereitet und unterstützte die gierigen Verwandten in ihrem Bemühen, den gesetzlichen Zeitrahmen für das Auffinden von Bodenschätzen auf den Höchststand festzusetzen. Ausgerechnet dieser Onkel lud sie nun zu seinem Geburtstag ein. Achtzig Jahre wurde er. Hatte sich bei ihm etwas geändert? War er milder geworden? Bereute er etwa sein Tun? Sie erinnerte sich gut, wie gedemütigt sie sich damals vorkam. Die Situation stand ihr wieder vor Augen.

Vor dem Haus des Notars hatten sich bereits die anderen Verwandten versammelt, bevor sie eingetroffen war. Marion hatte alle lächelnd begrüßt und die Kälte, die ihr entgegengeschlagen war, wie eine Mauer empfunden, die sie nicht durchdringen konnte. Sie hatte es sich nicht anmerken lassen wollen, wie es sie fröstelte. Sie hatte gespürt, daß man sie betrügen wollte und wäre am liebsten weggelaufen. Aber sie hatte gelächelt und so getan, als ob sie nichts davon merken würde. In der Kanzlei hatte sie weitergelächelt, heiße Tränen nach innen geweint. Sie hatte sich wie in einem Vakuum gefühlt, eingemauert von den Verwandten, die ihren Kreis um sie gezogen hatten. Sie hatten es vermieden, Marion anzusehen oder mit ihr zu sprechen. Der Notar hatte sich ihr gegenübergesetzt, den Text noch einmal überflogen und kopfschüttelnd mit dem Verlesen des Dokumentes begonnen. Die dichte Luft im Raum, die Marion fast zu ersticken drohte, hatte auch ihn eingehüllt. Er hatte sie gefragt, ob sie verstehe, was dort aufgesetzt worden war, hatte angedeutet, welche Ungeheuerlichkeit sie unterschreiben sollte. Sie hatte ihm offensichtlich leidgetan. Er hatte ihr zeigen wollen, daß er auf ihrer Seite stehe, ihr gesagt, daß sie diesen Vertrag auch ablehnen könne.

Marion hatte ihm leise geantwortet, daß sie den Vertrag so unterschreiben wolle, wie er sei. Und immer noch hatte dieses hoffnungslos-höfliche Lächeln auf ihrem Gesicht gestanden.

Sie hatte nie gelernt, sich zu wehren. Sie hatte immer nur gelächelt. Das war schon von jeher ihre einzige Waffe gewesen. Die anderen mußten sie für geistig minderbemittelt gehalten haben, weil sie gelächelt hatte, anstatt sich zu wehren. Sie war dazu erzogen worden, immer höflich zu sein, lieber die Faust in der Tasche zu machen. Marions Hände und Füße waren vor Anspannung immer kälter geworden, ihr Kopf hatte zu glühen begonnen. Hastig hatte sie den Vertrag in vielfacher Ausfertigung unterschrieben, den Verwandten das ihnen zustehende Geld ausgezahlt und war geflüchtet.

Auf dem Heimweg reagierte ihr Körper. Die Demütigung, die sie in sich hineingefressen hatte, empfand sie in ihrem Leib wie eine eisige Kugel, gespickt mit tausenden kleiner Eisnadeln, die durch das Fleisch nach außen dringen wollten. Die Unverfrorenheit der eigenen Verwandtschaft hatte sie eingeholt und eiskalt durchdrungen.

Marion stand noch immer am gleichen Fleck. Ihre Hand hielt zitternd die Einladungskarte. Tränen rollten ihr über die Wangen. Sie würde Zeit brauchen, darüber nachzudenken, ob sie dieser Einladung folgen solle.






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