Endlich groß



Eigentlich sollte ich mich freuen, dass ich älter werde. Eine seltsame Idee, könnte man denken. Die Erklärung hierfür kommt gleich. Erst die Vorgeschichte.


Mein Problem war schon immer, dass ich etwas zu klein geraten war, also meine Körperlänge ein wenig unter dem Durchschnitt lag. Ich kämpfte ein halbes Leben lang mit Schränken, deren Inhalt in den oberen Regionen nur mit einem Stuhl oder ähnlichem erreichbar war.


Ein anderes Problem ergaben Schreibtische, die eine Normhöhe hatten, für die ich jedoch den Bürostuhl auf die höchste Einstellung einrichten musste, um ordentlich arbeiten zu können. Doch dann baumelten meine Beine, meine Füße fanden lediglich auf dem Fuß des Stuhles Halt.


Saß ich in einem Bus, war die Situation die gleiche. Die meisten Sitze waren so hoch, dass meine Beine herumhingen und ich mir vorkam wie ein Kindergartenkind. Es sei denn, ich saß wie ein ängstliches Kind vorne auf der Weglaufkante.


Mit zunehmendem Alter verschlimmerte sich die Situation noch. Bis heute werden die Menschen in meiner Umgebung immer größer (weiß der Himmel, wieso die alle so groß werden!). Für diese langen Menschen werden Möbel entworfen, Kleider genäht, Autos ausgestattet.


Seit Jahren bekomme ich kaum eine lange Hose oder einen Rock, geschweige denn ein Kleid, das direkt passen würde, ohne dass ich den Saum mindestens mal zehn bis zwanzig Zentimeter kürzen müsste. Ich frage mich dann immer, ob es überhaupt keine kleinen Menschen mehr gibt. Oder ob man vielleicht nur für die jungen Mädchen von heute Mode macht. Oder dass man vielleicht glaubt, auch die ältere Frau müsste sich eben wie Claudia Schiffer kleiden können. Wer dann weder die Figur noch die Länge hat, der hat eben Pech gehabt. Selbst schuld.

Dabei kann ich mich nicht erinnern, dass irgendjemand mich gefragt hätte, ob ich so klein sein möchte. Hatte ich eine Wahl und habe das nur nicht mitgekriegt? Aber das ist jetzt auch egal. Ich muss damit leben.

Zu meinem Leidwesen habe ich dann eines Tages bemerkt, dass die Spannkraft meiner Muskeln spätestens gegen Mittag nachlässt und ich zusehends schrumpfe. Ich bemerke das sehr deutlich, weil der Rückspiegel im Auto, morgens für mich richtig eingestellt, nachmittags zu hoch steht und ich ihn herunterziehe und neu ausrichte, damit ich wieder die nachfahrenden Fahrzeuge im Blick habe.


Man sieht, als kleiner Mensch hat man mancherlei Probleme, die die „Großen“ in der Art nicht oder nur abgemildert haben. Ich habe oft erlebt, dass man mir wenig zutraut, nur weil ich körperlich keine Riesin bin. Arbeitsstellen habe ich nicht bekommen, nur weil ich kein Gardemaß hatte. Einmal hatte ich mich bei einem Hotel für die Arbeit an der Rezeption vorgestellt. Die erste Frage an mich lautete nicht: welche Fremdsprachen sprechen Sie, oder welche Ausbildung haben Sie absolviert. Nein, man fragte mich tatsächlich, wie groß ich wäre. Das konnte ich damals einfach nicht fassen. Die hatten wohl Angst, dass man mich hinter dem Tresen überhaupt nicht sehen könnte. Sie suchten jemanden, der eine repräsentative Erscheinung hat.


Nun, es ist nicht einfach, klein zu sein. Und daran hat sich bis heute nichts geändert.


Doch zurück zum Anfang und dem Sinn meiner Erklärungen. Seit einiger Zeit nennt man mich „Groß“. Das heißt nicht etwa, dass ich gewachsen wäre. Keineswegs. Ich selbst habe mich überhaupt nicht verändert, es sei denn ich wäre noch kleiner geworden. Aber ich bin vor einiger Zeit zur „Groß“mutter geworden. Das ist immerhin schöner als „Alt“mutter oder ähnliches, was man ja in Wirklichkeit ist. Schön, meine Enkelkinder nennen mich liebevoll Oma. Aber meine Außenumgebung tituliert mich mit dem zweitschönsten Wort nach „Mutter“ = „Großmutter“.

Und da bin ich doch auch ein wenig stolz drauf und ergötze mich richtig daran, weil ich lange genug gewartet habe, auch einmal groß zu sein.



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