Das Ampelmännchen

Es war mitten am Tag. Die Stadt war voller Menschen, die sich aneinander vorbeischoben, die es eilig hatten und dahinhasteten. Viele wollten wie ich auf die andere Straßenseite. Aber ein künstliches Hindernis, errichtet an verkehrsreicher Straße, blockierte den Weg. Die Ampel zeigte das rote Männchen, das breitbeinig in dem kleinen runden Lichtglas der Ampel auf der anderen Seite stand und anscheinend geduldig darauf wartete, daß es abgelöst würde. Es erschien mir fast, als ob es die Menschen, die sich ihm gegenüber ansammelten, belustigt betrachtete. Deshalb sah mir die Ampel genauer an. Neben dem Glas mit dem leuchtendroten Ampelmännchen gab es noch ein zusätzliches Ampelglas. Darin stand in grünen Buchstaben zu lesen, "Grün kommt".
Es sollte wohl zur Beruhigung der wartenden Menge bestimmt sein. Aber warum hatte man diese zusätzliche Beruhigung angebracht. War man sich vielleicht doch nicht so sicher, daß Grün kommt? Was wäre, wenn Grün es sich anders überlegt und nicht kommt? Auf der Straße war viel los, die Fahrzeuge rauschten mit Getöse an den Wartenden vorbei. Die Fahrer genossen das Tempo mit Siegermienen. Sie hatten Grün. Die Menschenmasse an der Ampel hier und drüben wuchs an, umsäumte allmählich die Straße wie eine Zierkordel. Mittlerweile war ich eingekeilt zwischen fremden Leibern. Manche der Wartenden standen, genau wie ich, breitbeinig vor der willkürlichen Sperre, andere trippelten von einem Fuß auf den anderen, wieder andere schauten aufmerksam und hoffend zur Ampel hinüber, Jugendliche standen aneinandergeschmiegt mit verträumten Augen, harrend der Dinge, die da kommen würden. Manchem ging es so wie mir. Ich war ungeduldig und wunderte mich, warum die Ampel noch immer Rot zeigte, warum nicht schon längst das grüne Männchen erschienen war, das mit leichterhobenem Kopf und angedeutetem Schritt das Zeichen gäbe, daß man endlich die Straße überqueren dürfe. Wildfremde Menschen begannen plötzlich miteinander zu sprechen, machten ihrer Verwunderung Luft. Einige behaupteten, sie hätten gesehen, daß das grüne Männchen mit einem kleinen grünen Rucksack auf dem Buckel fortgegangen wäre. Andere bestätigten das und fügten hinzu, daß es sogar mit einem kleinen Stock gewunken und mit einem Auge gezwinkert hätte. Es fiel mir schwer, es nicht zu glauben, denn noch immer sah ich nur die Bauchseite des roten Männchens in der gleichen Position wie zuvor. Unzufriedenheit machte sich allmählich breit, das Murren wurde immer lauter und der eine oder andere sprang unter Lebensgefahr zwischen den flitzenden Autos über die Straße, schlug Haken um die Fahrzeuge herum, um sich auf der anderen Straßenseite erleichtert den Angstschweiß von der Stirn zu wischen, bevor der Weg fortgesetzt wurde. Mein Blick blieb auf den mutigen Menschen hängen, die wie unter Hypnose den Überquerungsvorgängern auf die andere Seite folgten. Die Menge um mich herum rief plötzlich laut auf, es sei wieder zurück. Deshalb bekam ich gerade noch mit, wie das rote Männchen sich verabschiedete, weil das grüne Männchen seinen Spaziergang beendet hatte und nun endlich wieder in seinem runden Glas auftauchte. Alle schienen erleichtert, als das Versprechen eingelöst wurde, „Grün kommt".



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