Am Meer



Meereswellen klatschen aufschäumend an die grauen Felsen, die steil zum Meer abfallen. Gischt sprüht. Das Sonnenlicht bricht sich in den feinen Wassertröpfchen in allen Spektralfarben.
Es ist früher Mittag. Anne sitzt mit gekreuzten Beinen auf einem Felsvorsprung. Vor sich hat sie nur den Abgrund. Ihre roten Shorts sind der einzige Farbfleck vor dem blaßblauen Himmel. Sie trägt ein zu weit ausgeschnittenes Baumwollhemd, das ihre Brüste kaum bedeckt. In den letzten Tagen hat sie viel Zeit in der frischen Luft verbracht und ihre Haut ist sommerlich braun. Doch die Frische, die sie zu verkörpern scheint, hat mit ihrem inneren Zustand nichts zu tun. Wie erstarrt sitzt sie im Schneidersitz. Ihre dunkelblauen Augen sind in die Ferne gerichtet, als erwarte sie Ruhe aus der Weite des Horizonts. Weite, das ist es, was sie braucht. Die Enge erstickt sie. Sie ist zum Meer gekommen, um sich klar zu werden, wie ihr Leben weitergehen soll, ob es weitergehen soll. Sie beginnt zu weinen. Ihre Schultern beben. Mit der linken Hand wischt sie eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht. Sie will sich nicht gehen lassen, sich zusammenreißen, wie sie es immer tat. Aber der Schmerz ist frisch und geht tief. Und so sehr sie sich bemüht, gleichmütiger an das Erlebte heranzugehen, sich nicht von Emotionen leiten zu lassen, es gelingt ihr nicht. Schmerzlich zuckt es um ihre Mundwinkel, und sie kann es nicht verhindern, daß sie immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt wird. Lange sitzt sie so am Abgrund. Und die Sonne steigt höher. Anne saugt die Spätsommerwärme mit jedem Atemzug ein. Je weiter der Tag reift, desto entspannter wird sie. Sogar eine unbestimmbare Heiterkeit macht sich in ihr breit. Am späten Nachmittag, als die Sonne den Zenit schon lange überschritten hat, erhebt Anne sich entschlossen und klettert auf einem kaum auszumachenden Pfad nach oben. Der Wind verweht ihr langes Haar. Als sie die höchste Stelle erreicht, bleibt sie noch einen kurzen Moment auf der Abrißkante stehen, als ob sie doch noch einmal nachdenken müßte. Sie sieht zum letzten Mal in die Tiefe, dann entfernt sie sich vom Meer.

Das alte Haus liegt etwas abseits vom Ort. Anne geht mit bedachten Schritten darauf zu. Es hätte für wenige Wochen ihr Zuhause sein sollen, in dem sie sich erholen und wohlfühlen wollte. Doch das Haus mit einem romantischen Schlafzimmer unter dem schrägen Dach, das ihr zu Beginn des Urlaubs wie ein Traumhaus erschien, wurde ihr plötzlich zum Alptraum.
Vom ersten Tag an war Michel ihr verändert erschienen. Sie hatte geglaubt, daß beruflicher Streß der vergangenen Monate seinen Tribut zollte, daß er dadurch so erschöpft wäre. Deshalb vereinbarten sie, daß in den wenigen Urlaubswochen jeder seinen Neigungen nachgehen könnte. Michel maß dem Meer nicht den Stellenwert bei, den es bei Anne einnahm. Sie liebte es in all seinen Facetten: die Klarheit des ruhigen Wassers, die Kraft der aufbrausenden See, die unendlich erscheinende Größe, die unterschiedlichste Färbung, seine Tiefe. Es war für sie wie ein Abbild des Lebens in seiner Vielfalt. Mit Michel konnte sie darüber nicht sprechen, er hätte sie nicht verstanden. Er wollte lieber ausschlafen, stundenlang, tagelang, wochenlang. Ihm genügte es, in der Nähe des Hauses Seeluft zu schnuppern. Während Anne das Meer in sich aufnahm, wollte er sich am Haus erholen. Und das Rezept schien richtig zu sein. Sein Wohlbefinden besserte sich mit jedem Tag, und Anne freute sich darüber. An einem Abend bestückte er den offenen Kamin mit Holzscheiten und versuchte ihn in Brand zu setzen. Doch der Kamin zog nicht richtig. Qualm drang in den Raum und raubte ihm fast den Atem. Anne bemühte sich, im Badezimmer, den uralten Gasdurchlauferhitzer in Gang zu bringen. Obwohl sie hörte, daß das Gas ausströmte, ging die Flamme immer wieder aus. Mutig duschte sie kalt und begab sich, nur mit dem großen Frottee-Badetuch umhüllt, fröstelnd ins Wohnzimmer. Sie schmiegte sich zärtlich an Michel, der vor dem Kamin stand. Er drehte sich zu ihr um.
„Ziehe dir lieber was an, „ sagte er leise und schob sie mit leichtem Druck von sich. „Du erkältest dich sonst noch."
„Ach, komm' doch," bettelte Anne, „geht es dir denn noch immer nicht besser? Ich dachte, du hättest dich in den letzten Tagen gut erholt."
„Wir müssen miteinander reden," sagte Michel statt einer Antwort.
„Na dann mal los," sagte Anne vergnügt.
Sie wickelte sich in eine Wolldecke, die schon bessere Zeiten gehabt hatte und kuschelte sich in einen Sessel in der Nähe des Kamins. Michel setzte sich ihr gegenüber in den Sessel. Auf dem kleinen Couchtisch standen eine volle Flasche Bordeaux und zwei leere Weingläser, in deren Schliff sich das Licht einer Kerze brach. Anne nahm sich ein Zigarillo aus einem Etui, das auf dem Beistelltisch lag und entzündete es an der Kerze. Sie fühlte sich pudelwohl und wollte mit Michel auf den wirklichen Urlaubsbeginn angestoßen.
„Es gibt eine andere Frau in meinem Leben," flüsterte er. „Es tut mir leid, aber ich habe mich unsterblich in sie verliebt. Ich bin gegen dieses Gefühl einfach machtlos."
Anne war kreidebleich geworden.
„Wie lange geht das schon?"
„Das ist doch völlig egal. Ich wollte dich nicht verletzen, Anne, das mußt du mir glauben. Deshalb habe ich auch versucht, von ihr loszukommen. Aber es geht nicht. Ich werde dich verlassen."
„Und das sagst du mir so nebenbei im Urlaub? Was soll das heißen, du kommst von ihr nicht los? Hat sie dich verhext, oder was? Was ist mit mir? Bin ich so blöd, daß du glaubst, so mit mir umgehen zu können? Wo ist dieses Miststück, das mir meinen Mann wegnehmen will?"
Anne war aufgesprungen und hatte das glimmende Zigarillo auf den Aschenbecher gelegt. Sie starrte Michel wütend an.
„Sie wohnt hier im Ort."
„Ach, jetzt verstehe ich. Während ich dir vertraut habe und dachte, du wärst überarbeitet, wart ihr hier zusammen! Das darf doch gar nicht wahr sein!"
Michel schwieg. Er stand auf, ging die wenigen Schritte zum Kamin, bückte sich und legte Holzscheite nach, damit das Feuer weiterbrennen konnte. Anne sprang wütend auf, riß den Schürhaken von der Wand und schlug auf Michel ein. Er versuchte noch, sich umzudrehen, brach dann aber vor dem Kamin unter den Schlägen zusammen. Entsetzt warf Anne den Schürhaken fort und kletterte weinend die Leiter zum Schlafzimmer hinauf. Eine Sprosse brach unter ihrem Gewicht. Vorsichtiger geworden hastete sie nach oben. Als sie das Schlafzimmer betrat, traute sie ihren Augen nicht. Michel hatte seine Kleidung schon weggebracht. Der Nachttisch war leergeräumt, sein Teil des Kleiderschrankes leer, sein Koffer fort. Im Bad lag nur noch eine Nagelfeile von ihm. Er meinte es wirklich ernst. Aber er konnte sie doch nicht so einfach verlassen! Die Prügel hatte er sich wirklich verdient. Wütend riss sie ihren Schrank auf, griff automatisch nach Shorts und einem T-Shirt und zog sich eilig an. Noch einmal sah sie in seinem Teil des Kleiderschrankes nach, ob nicht doch noch etwas von ihm darin zu finden wäre. Sie tastete die Bretter ab, riss verzweifelt das Schrankpapier heraus und warf es achtlos auf den Boden.

In ihrem Kopf summte die Erregung, sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Kraftlos setzte sie sich auf ihr Bett. Der Gewohnheit folgend nestelte sie ein Zigarillo aus dem aufgerissenen Päckchen. Vom Nachttisch nahm sie automatisch ein Feuerzeug. Das Feuerzeug funktionierte nicht. Wut kam ihr hoch und sie warf es fort.
Sie riss die Tasche an sich, schüttete sie auf dem Bett aus und fand ein Streichholzmäppchen. Mit zitternden Fingern riss sie ein Hölzchen an, machte hastig den ersten Zug. Sie hielt das noch brennende Streichholz einen Moment zu lange zwischen den Fingern und ließ es erschreckt zu Boden fallen. Weinend rang sie nach Luft, die Enge des Hauses brachte sie fast um. Plötzlich durchfuhr sie ein erschreckender Gedanke. Eilig hastete sie die Stiege hinunter, warf nur einen flüchtigen Blick auf Michel, der noch immer vor dem Kamin lag und lief aus dem Haus. Sie rannte, als ob der Teufel hinter ihr her wäre, zur holprigen Straße, die zum Meer führte. Tränen verschleierten ihren Blick und deshalb sah sie das Fahrzeug nicht rechtzeitig, das mit zu hoher Geschwindigkeit um die Kurve kam. Der angetrunkene Fahrer streifte Anne mit dem Kotflügel. Von dem Stoß fiel sie in die Büsche und blieb bewußtlos liegen. Der Fahrer fuhr weiter, als sei nichts geschehen.
Feuer loderte im alten Gemäuer. Fenster barsten. Flammen schlugen aus den Fenstern. Als die Menschen im Ort eine Rauchsäule sahen, alarmierten sie Polizei, Feuerwehr und Krankenwagen. In dem völlig verbrannten Haus fand man vor dem Kamin eine männliche Leiche.

Auf dem Weg vom Meer in den Ort kommt Anne an dem völlig ausgebrannten Haus vorbei. Sie wirft einen letzten, kurzen Blick auf das geschwärzte Gemäuer, bevor sie es mit schnellem Schritt hinter sich lässt.



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