Am AbgrundDie winzige rote Glut einer Zigarette leuchtete im Dämmerschein des nahenden Abends auf. Die Hände des Mannes zitterten. Es waren abgearbeitete Hände mit schwieliger Haut. Sein ganzes Leben lang hatte er hart gearbeitet. Vielleicht war es das, was sie an ihm störte. Bis zur Erschöpfung hatte er um sie gekämpft, und nun stand er am Abgrund. Er schien nicht zu bemerken, daß ihm Gefahr drohte, würde er noch einen Schritt weitergehen. Mit Wut im Bauch hatte er sich aus der Hütte davongemacht. Tränen verhinderten eine klare Sicht. Mit fahrigen Bewegungen fuhr er sich durch das angegraute Haar. Er warf den Zigarettenrest in hohem Bogen fort, nestelte in seinen Jackentaschen, um eine neue Zigarette herauszuziehen. Nervosität erzwang sein Tun, nicht die Sucht. Seine Finger mußten beschäftigt sein, sein Mund beruhigenden Rauch einsaugen. Seine Gedanken kreisten ständig um das selbe Thema, wurden in seinem Kopf zu einer nie enden wollenden Spirale, bis sie in einem Niemandsland angekommen waren, abgetrennt vom Jetzt, vom Gestern, vom Morgen. Er empfand nur noch Leere ringsumher. Die Farbe des Abendhimmels hatte vom matten Grau ins tiefe Schwarz gewechselt. Er bemerkte es nicht. Noch immer war sein Blick tot. Das Streichholz in seiner Hand zitterte, als er es an der Reibfläche entlangriß. Als es aufflammte, schien er aus einem langen Traum zu erwachen, und er erkannte, wie nah er am Abgrund stand. Er blies die Flamme wieder aus und warf das Hölzchen fort. Mit ruhigerer Hand steckte er Zigarette und Streichholzschachtel in die Jackentasche zurück.
Er atmete beinahe stöhnend auf, und es schien, als sei er zu einem Entschluß gekommen. Seine Tränen waren getrocknet. Er ließ seinen Blick zum Himmel schweifen, als suche er von dort Bestätigung. Doch sein Leben fand hier statt, auf der Erde, die er unter seinen Füßen hatte. Plötzlich spürte er jemanden hinter sich und drehte sich zögernd um. Er ahnte den Schatten hinter sich mehr, als er ihn sah. Lisa war ganz nah zu ihm getreten und drängte sich an das rauhe Tuch seiner abgeschabten Tweedjacke. Ihre Hände suchten sein Gesicht. Grob faßte er ihre Hände und stieß sie von sich.
Laß' das", sagte er mit rauher Stimme. Doch sie wollte sich nicht wegdrücken lassen. Lisa wollte nicht aufgeben, wollte um Vergebung flehen und sich weinend an seine Brust werfen. In der Schwärze der Nacht und mit tränennassen Augen erkannte sie zu spät, daß er zur Seite getreten war, um zu gehen.
Überrascht hörte er Lisas spitzen Angstschrei, als sie neben ihm in den Abgrund flog.
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